Sanieren mit Weitblick - Grundschule Welschingen
Als am 4. Mai 2022 in Welschingen in Engen der Bagger anrollt und der symbolische Spatenstich gesetzt wird, markiert das mehr als den Beginn einer Baustelle. Es ist der Startpunkt einer anspruchsvollen Sanierung im Bestand – mit laufendem Schulbetrieb, steigenden Baupreisen und hohen energetischen Zielen.
Sanieren unter erschwerten Bedingungen
„Nach gut fünf Jahrzehnten Nutzung war eine umfassende Erneuerung des Gebäudes unvermeidlich“, erklärt Matthias Distler aus dem Stadtbauamt die Ausgangslage in der Stadt im Landkreis Konstanz mit rund 11.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Schon im Jahr 2018 hatte die Stadt ein erstes Sanierungskonzept auf Basis einer energetischen Untersuchung erstellen lassen. Doch zwischen Analyse und Umsetzung lagen mehrere Jahre. Die Fördermittel wurden erst Ende des Jahres 2020 bewilligt. Werkplanung und Ausschreibung konnten damit frühestens 2021 starten – zu einem Zeitpunkt, an dem die Baupreise bereits deutlich anzogen. Hinzu kamen neue Anforderungen aus der energetischen Optimierung, die wiederum Anpassungen im Brandschutz nach sich zogen.
Beim Baubeschluss im November 2021 lag die Kostenberechnung bei rund
2,37 Millionen Euro. Doch das war nur eine Momentaufnahme. Pandemie, Materialengpässe und der Krieg in der Ukraine sorgten für weitere Preissteigerungen. Bereits beim Spatenstich ging die Verwaltung davon aus, dass die Gesamtkosten bis zur Fertigstellung auf etwa 2,8 Millionen Euro steigen würden. Trotz aller Herausforderungen konnte dieser zuletzt gesetzte Kostenrahmen eingehalten werden. Die tatsächlichen Baukosten beliefen sich nach Abschluss der Maßnahme auf 2.818.530 Euro. Die Bauzeit erstreckte sich von März 2022 bis Juni 2024.

Besonders herausfordernd war der Umbau bei laufendem Schulbetrieb. Räume mussten abschnittsweise saniert werden, viele Arbeiten waren nur in den Schulferien möglich. Der planerische Aufwand wuchs erheblich.
Solche Rahmenbedingungen betreffen natürlich den Alltag von Lehrkräften und Kindern. Unterricht erfolgte in provisorisch verlagerten Räumen. Es gab Lärm und Einschränkungen über Monate. Dazu ein hoher Koordinationsbedarf zwischen Schule, Bauleitung und Handwerk. „Sanierungen im Bestand warten mit Überraschungen auf, die vorab nicht erkennbar sind“, sagt Stadtbaumeister Distler offen. So zeigte sich etwa während der Bauphase, dass Abwasser- und Regenleitungen erheblich beschädigt waren. Sie mussten bis in die Straße hinein neu verlegt werden – zusätzliche Kosten von rund 890.000 Euro. Auch weitere Brandschutzauflagen trugen zu Mehrkosten bei.
Energetisch denken, Ressourcen nutzen
Trotz aller Hürden hielt die Stadt an ihrem Grundsatz fest: Bestehendes erhalten, gezielt verbessern, langfristig denken. Der Baukörper blieb in seiner massiven Struktur erhalten. Statt Abriss setzte man auf energetische Optimierung: Dämmung von Fassade und Dach, Austausch aller Fenster und die Erneuerung der gesamten Gebäudetechnik.
Ein zentrales Element ist die neu geschaffene Pufferzone auf der Südseite. Sie nutzt die Strahlungswärme passiv, schützt im Sommer vor Überhitzung und erweitert zugleich die Nutzfläche. Aus der früheren überdachten Pausenhalle wurde ein klimatisierter Raum, der heute von der Kernzeitbetreuung genutzt wird – witterungsunabhängig und vielseitig einsetzbar.
Beim Materialeinsatz dominieren recyclingfähige Baustoffe. Die Fassade ist mit Holz verkleidet, die Tragstruktur der Pufferzone in Holzbauweise ausgeführt. Die alte Betonfassade und die Dachflächen wurden mit Holz-Dämmständern aufgeständert und die Gefache mit Mineralwolle sowie Holzfaser ausgedämmt. Die neue Fassade besteht aus verschiedenen Holzleistenschalungen und farbigen Paneelen in den Fensterelementen. Die Farbigkeit greift die jeweiligen Klassenzimmerfarben auf und schafft Orientierung wie Atmosphäre.
Die technische Erneuerung des Schulgebäudes ist umfassend und konsequent auf Effizienz ausgelegt. Installiert wurde eine moderne Pelletheizanlage mit einer Leistung von 69,9 Kilowatt. Ergänzt wird sie durch eine Photovoltaikanlage auf der Südseite des Daches mit einer installierten Leistung von 61 Kilowattpeak. In den Klassenzimmern sorgt eine dezentral geregelte Raumlüftung mit Wärmerückgewinnung für ein gleichmäßiges und gesundes Raumklima. Zudem wurde die komplette Elektrik des Gebäudes erneuert und die Beleuchtung vollständig auf energieeffiziente Leuchtdioden umgestellt.
Messbare Wirkung der Sanierung
Die Wirkung dieser Maßnahmen lässt sich klar beziffern. Vor der Sanierung lag der jährliche Heizenergieverbrauch bei rund 170.000 Kilowattstunden, was etwa 120 Kilowattstunden pro Quadratmeter entsprach. Nach Abschluss der Sanierung sank der Verbrauch auf durchschnittlich 85.000 Kilowattstunden pro Jahr. Durch die nun größere Nutzfläche reduziert sich der spezifische Energiebedarf sogar auf rund fünfzig Kilowattstunden pro Quadratmeter. Für die Kommune bedeutet das spürbar geringere laufende Betriebskosten und zugleich deutlich mehr Planungssicherheit in Zeiten volatiler Energiepreise. Trotz Einsatz moderner Regeltechnik beeinflusst das Nutzerverhalten den tatsächlichen Energieverbrauch. Deshalb wurde die Schule in die energiebewusste Nutzung der Räume und der neuen Haustechnik eingewiesen.

Lernen und Arbeiten in neuer Qualität
Die Klassenzimmer sind hell, gut temperiert und freundlich gestaltet. Eine großzügige Treppe lädt zum Lesen und Lernen ein. Große Fensterfronten bringen Tageslicht tief ins Gebäude. Neue Funktionen erweitern den pädagogischen Alltag: Die Schulküche ermöglicht Unterrichtseinheiten wie „gesundes Frühstück“. Das Mittagessen der Nachmittagsbetreuung findet nun im eigenen Haus statt. Die Kernzeiträume sind zentraler gelegen, größer dimensioniert und auf die gestiegene Kinderzahl ausgelegt.
Ein eigenständiges pädagogisches Konzept lag der Sanierung nicht zugrunde. Vorrangiges Ziel war die dringend notwendige bauliche und technische Erneuerung des Schulgebäudes. Dennoch beschreibt Kathrin Kovar, Konrektorin der Grundschule Welschingen, die Veränderungen aus schulischer Sicht als deutlich spürbar: „Es ist eine angenehmere Lernatmosphäre entstanden, getragen von hellen Farben, großzügigen Fensterflächen und gut temperierten Räumen.“ Die neue Treppe biete Platz zum Lesen und Lernen. Die Schulküche eröffne neue Möglichkeiten im Unterricht und das Mittagessen der Nachmittagsbetreuung könne nun im eigenen Haus stattfinden. Die Kernzeiträume seien größer, zentraler gelegen und würden der gestiegenen Anzahl an Kindern gerecht.
Erfolgsfaktoren für andere Kommunen
Aus den Erfahrungen der Stadt Engen lassen sich mehrere Erfolgsfaktoren ableiten, die auch für andere Kommunen von Relevanz sein können. Energetische Sanierungen erfordern vor allem eines: frühzeitige Planung und einen langen Atem. Förderlogiken, Planungs- und Genehmigungszeiten sowie die Dynamik der Bau- und Energiemärkte müssen realistisch eingeschätzt und von Beginn an in den Zeit- und Kostenrahmen integriert werden. Gleichzeitig zeigt das Projekt, wie wichtig es ist, bei Sanierungen im Bestand mit Überraschungen zu rechnen. Bestehende Gebäude halten selten exakt das ein, was alte Pläne oder Unterlagen vermuten lassen. Ausreichende Kostenpuffer und flexible Entscheidungswege sind daher keine Komfortfrage, sondern Voraussetzung für Handlungsfähigkeit.
Nicht zuletzt spielt die sichtbare Qualität eine entscheidende Rolle. Gestaltung, Materialwahl und Raumqualität wirken unmittelbar auf Akzeptanz, Identifikation und Wertschätzung – bei Schülerinnen und Schülern ebenso wie bei Eltern, Lehrkräften und der Öffentlichkeit.
Sanierung als strategische Investition
Trotz Krisen, Kostensteigerungen und baulicher Überraschungen hielt die Stadt den Zeitplan und den zuletzt gesteckten Kostenrahmen von rund 2,8 Millionen Euro ein. Vor allem aber investierte sie in bessere Lernbedingungen, niedrigere Betriebskosten und eine nachhaltige Nutzung bestehender Bausubstanz.
Ergänzend zur inhaltlichen Bilanz zeigt ein Blick auf die Gebäudedaten die Dimension des Projekts: Die Bruttogeschossfläche wuchs von 1.425 auf 1.790 Quadratmeter, der umbaute Raum von 4.900 auf 6.030 Kubikmeter. So entstand aus einem sanierungsbedürftigen Schulhaus ein modernes, energieeffizientes Gebäude mit hoher Aufenthaltsqualität – als langfristige Investition in Bildung, Klimaschutz und kommunale Infrastruktur.
