Die drei Bürgermeister sitzen im Rathaus und unterzeichen den Kooperationsvertrag
Haben die Ferienbetreuung zusammen auf den Weg gebracht: die Bürgermeister Thomas Jerg, Marcus Schmid und Hans-Peter Reck (v. li. n. re.) bei der Unterzeichnung ihrer interkommunalen Kooperationsvereinbarung.
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Fair, flexibel, machbar und gemeinsam

Die Pflicht zur Ferienbetreuung für Grundschulkinder stellt viele Kommunen, gerade im Ländlichen Raum, vor organisatorische Probleme. Interkommunale Zusammenarbeit kann ein Ausweg sein. Wie das in der Praxis funktioniert, zeigen drei Gemeinden im Landkreis Biberach.

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder stellt Kommunen vor eine neue Herausforderung: Während die Betreuung während der Unterrichtszeiten vielerorts bereits geregelt ist, klafft in den Ferien eine Lücke. Denn Ferienbetreuung ist strukturell etwas grundlegend anderes als die klassische Schulbetreuung am Nachmittag oder die verlässliche Grundschule am Morgen. Statt zwei oder drei Stunden müssen bis zu acht Stunden am Stück sinnvoll gestaltet und pädagogisch begleitet werden.

Vor allem kleine Kommunen stehen dabei oft vor einem Dilemma: Der Bedarf ist schwer vorherzusagen, das Personal kaum allein vorzuhalten, und verlässliche und vor allem finanzierte Vorgaben vom Land ließen auf sich warten. 

Eine Antwort darauf kann interkommunale Zusammenarbeit sein. Drei Gemeinden im Landkreis Biberach machen vor, wie das gehen kann: Steinhausen an der Rottum, Erlenmoos und Gutenzell-Hürbel mit jeweils rund 2.200, 1.800 und 1.850 Einwohnerinnen und Einwohnern. 

Ferienbetreuung als Gemeinschaftsaufgabe: Drei Gemeinden gehen voran

Die drei Gemeinden bilden bereits seit längerem eine Verwaltungsgemeinschaft mit der Stadt Ochsenhausen. Als diese erklärte, die Ferienbetreuung nicht übernehmen zu können, machten sie es zu dritt: „Aufgrund der Tatsache, dass dies eine Gemeinde unserer Größenordnung allein nicht stemmen kann und wir drei da vergleichbar sind, haben wir beschlossen, diesen Weg gemeinsam zu gehen“, sagt Hans-Peter Reck, der Bürgermeister von Steinhausen.  

Bereits vor rund zwei Jahren begannen sie mit der Organisation. „Wer kurz vor knapp loslegt, gerät unter Zugzwang, daher sind wir das Thema frühzeitig angegangen“, so Reck weiter. Wichtig war dem Trio von Beginn an, alle Beteiligten mitzunehmen: „Schulrektorinnen, Hauptamtsleitungen und Elternbeiräte saßen von der ersten Besprechung an mit am Tisch – stets aus allen drei Gemeinden gemeinsam“, sagt Erlenmoos Bürgermeister Marcus Schmid. Nach rund fünf gemeinsamen Runden stand eine Kooperationsvereinbarung, die alle drei Gemeinderäte abgesegnet haben – „zunächst auf zwei Jahre angelegt, dann soll Bilanz gezogen werden“, ergänzt Gutenzell-Hürbels Bürgermeister Thomas Jerg.

Ausgelost und abgestimmt: So funktioniert die gemeinsame Ferienbetreuung 

Das Ergebnis ist ein rollierendes System: Die Ferienbetreuungsgruppe wechselt reihum zwischen den drei Gemeinden, alle Kinder können unabhängig vom Wohnort teilnehmen. Das Angebot wird auch für Geschwisterkinder geöffnet. Die Betreuung findet in den Schulen beziehungsweise in der zugehörigen Infrastruktur, etwa einer Mehrzweckhalle, statt.

Grundlage sind die sogenannten Schließtage: Das Land erlaubt den Kommunen, die Betreuung an bis zu 20 Werktagen im Jahr – also vier Wochen – zu schließen. Diese Tage legen die drei Gemeinden gemeinsam auf die Weihnachtsferien und die ersten beiden Wochen der Sommerferien. Für die anderen Ferienzeiten haben die Kommunen nun das Angebot bereitgestellt. Es findet immer jeweils in einem der drei Orte statt. „Die Zeiträume und Orte der Betreuung, die jede Gemeinde übernimmt, haben wir ausgelost, damit sich niemand von den Eltern bevorzugt oder benachteiligt fühlt“, so Jerg.  

Für die Umsetzung holten sie sich einen erfahrenen Partner ins Boot: Ein österreichisches Unternehmen, das bereits in mehreren Gemeinden im Landkreis tätig ist. „Uns war wichtig, jemanden zu haben, der das Thema kennt und nicht alle unsere Fragen neu beantworten muss“, unterstreicht Bürgermeister Reck. Das Programm umfasse nun einen vollen Betreuungstag von acht Stunden mit wechselnden pädagogischen Angeboten – von Waldpädagogik bis Bewegungsprogrammen. Anmeldung und Abrechnung laufen digital direkt über den Anbieter.

Kostendeckend kalkuliert: Was die Ferienbetreuung Eltern und Gemeinden kostet

Die Kostenfrage war von Beginn an klar: Die drei Gemeinden wollen die Ferienbetreuung kostendeckend betreiben und legen die anfallenden Kosten nahezu vollständig auf die Eltern um. „Leider nichts Neues für uns Gemeinden. Da kommt eine zusätzliche Aufgabe, aber sie ist nicht finanziert. Und deshalb bleibt uns in Zeiten angespannter Finanzen leider nichts anderes übrig, als die Kosten auf die Eltern umzulegen“, betont Schmid, auch mit Blick auf die für viele vom Gesetzgeber nicht hinreichend organisierte praktische Umsetzung des Ganztagsanspruchs. 

Die grobe Kalkulation gestaltet sich nun so: Bei einer Gruppengröße von 20 Kindern und Anbieterkosten von rund 4.000 Euro pro Woche landet man bei etwa 200 Euro pro Kind und Woche – ein Betrag, den die drei Gemeinden als feste Größe vereinbart haben, unabhängig von kleinen Schwankungen nach oben oder unten. Das Land hat angekündigt, künftig 68 Prozent der kalkulierten Betriebskosten zu übernehmen.  Was genau unter Betriebskosten fällt, ist entscheidend, aber eben noch ungeklärt. Ein Beitrag, der hilft – aber nicht bedeutet, dass bei den Gemeinden nichts hängen bleibt, wie alle drei Bürgermeister im Gespräch mit die:gemeinde betonen. 

„Wie hoch der kommunale Eigenanteil am Ende tatsächlich ausfällt, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen“, sagt Reck. Dass man hier noch Erfahrungen sammeln muss, zeigt auch der erste Praxistest: Für die erste ausgeschriebene Betreuungswoche in den Herbstferien 2026 gab es in allen drei Gemeinden zusammen keine einzige Anmeldung. „Da sieht man einfach, dass die Nachfrage auf dem Land noch nicht so aktuell ist, wie sich das der Gesetzgeber vorgestellt hat“, sagt Schmid. 

Kinder spielen auf einer Wiese gemeinsam ein Spiel

Die drei Gemeinden setzen zusammen auf einen gemeinsamen Anbieter – das vereinfacht nicht nur die Organisation, sondern ermöglicht auch ein hochwertiges Programm: Neben klassischen Betreuungsangeboten gibt es pädagogische Einheiten wie Waldpädagogik und Bewegungsprogramme. Foto: Adobe Stock

Die Gründe liegen für die drei Rathauschefs auf der Hand: Die Erstklässler sind gerade erst eingeschult, viele Eltern planen ihren Urlaub ohnehin in den Sommerferien und wer ältere Geschwisterkinder hat, denkt die Betreuung für die ganze Familie zusammen. Auf dem Land gelten eben andere Bedarfsstrukturen als in der Stadt. Dennoch sind die Bürgermeister überzeugt, dass der Bedarf kommen wird. „Der Appetit wächst beim Essen. Das hat man bei U3 und beim Kita-Platz genauso gesehen – ein Rechtsanspruch wird nicht sofort in Anspruch genommen, aber er wächst“, so Reck.

Für den Ausfall haben sich die Gemeinden vorbereitet. „Da wir alle nicht so genau wussten, wie das Thema läuft, war uns Flexibilität wichtig und dass der Anbieter auf unsere Bedürfnisse eingeht“, erklärt Jerg. Bei zu wenigen Anmeldungen kann eine gebuchte Woche abgesagt werden, ohne dass die Gemeinden auf den Kosten sitzenbleiben. Solange das zeitnah innerhalb einer Stornierungsfrist mitgeteilt wird, kann sich der Anbieter darauf problemlos einstellen. Zugleich lässt sich das Angebot hochskalieren, falls der Bedarf steigt.

„Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ist eine Aufgabe, die auf die Kommunen zugekommen ist. Aber sie ist nicht finanziert – das ist der Klassiker, den wir alle kennen“, bilanziert Schmid den Prozess. „Erfüllt werden muss der Anspruch trotzdem.“ Die drei Bürgermeister haben gleichwohl entschieden, das Beste daraus zu machen. Wer frühzeitig plant, alle Beteiligten mitnimmt und auf ein flexibles Modell setzt, kann den Rechtsanspruch auch mit überschaubaren Mitteln ihrer Ansicht nach solide umsetzen. Und langfristig, da sind sich Reck, Schmid und Jerg einig, kann eine verlässliche Betreuungskette vom Kindergarten über die Grundschule bis zur Ferienbetreuung sogar zum Standortvorteil werden. „Für Familien, die aufs Land ziehen oder dort bleiben wollen, ist die Frage nach verlässlicher Betreuung oft ein entscheidendes Argument“, so Jerg.