Sicher zur Schule
Der morgendliche Weg zur Schule bleibt für viele Kinder ein Sicherheitsrisiko. Laut kürzlich veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes kamen im Jahr 2025 bundesweit rund 29.270 Kinder unter 15 Jahren bei Verkehrsunfällen zu Schaden. Auffällig ist nach Angaben der Deutschen Verkehrswacht der Zeitpunkt der Unfälle: Bei den Sechs- bis 14-Jährigen ereignen sich besonders viele zwischen 7 und 8 Uhr – also zu einer Zeit, in der zahlreiche Kinder auf dem Weg zur Schule sind.
Auch die Zahlen aus Baden-Württemberg zeigen eine deutliche Entwicklung. Zwischen 2019 und 2021 wurden nach Daten der Landespolizeidirektion durchschnittlich 319 Schulwegunfälle pro Jahr registriert. 2025 waren es 415. Dabei wurden 382 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 17 Jahren verletzt, ein Kind kam auf dem Schulweg ums Leben. Burkhard Metzger, Präsident der Landesverkehrswacht Baden-Württemberg, sieht Handlungsbedarf. „Die Anforderungen auf der Straße steigen, aber die Motorik der Kinder lässt nach. Hier müssen wir handeln“, sagte er der Stuttgarter Zeitung.
Schulwegsicherheit als kommunale Aufgabe
Die Deutsche Verkehrswacht nimmt die bundesweiten Unfallzahlen zum Anlass, bessere Bedingungen für Kinder zu fordern. Dazu gehören sichere Querungsstellen, übersichtliche Verkehrsführungen im Umfeld von Schulen und weniger Bring- und Holverkehr direkt vor den Schultoren. Kinder sollen zugleich frühzeitig lernen, ihren Weg möglichst selbstständig zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückzulegen.
Ein wichtiges Instrument sind hierfür Schulwegpläne, die Kommunen Eltern der Schulkinder zur Verfügung stellen können. Sie weisen möglichst sichere Routen zur Schule aus und berücksichtigen dabei beispielsweise bekannte Problem- oder Gefahrenstellen. Der kürzeste Weg ist dabei nicht immer der sicherste.
Die Verkehrswacht empfiehlt Eltern, solche Routen vor der Einschulung mehrfach gemeinsam mit ihren Kindern abzugehen und einzelne Straßenquerungen und Gefahrenstellen zu besprechen. In Baden-Württemberg sind für alle Grundschulen verpflichtend Gehschulwegpläne sowie für alle weiterführenden Schulen Geh- und Radschulwegpläne zu erstellen. Laut Erlass sollen die Pläne alle drei Jahre aktualisiert werden. Eine wichtige Grundlage dafür sind die von Schülerinnen und Schülern erhobenen Daten zu ihren Schulwegen. Für die Erstellung der Schulwegpläne sind die jeweiligen Kommunen zuständig.
Wie Kommunen einen Schulwegplan erstellen können
Unterstützung bietet der Schulwegplaner Baden-Württemberg. Das digitale Werkzeug bindet die Schülerinnen und Schüler unmittelbar ein: Sie tragen ihre tatsächlich genutzten Geh- und Radwege ein und können Stellen markieren, die sie auf ihrem Schulweg als problematisch wahrnehmen. Diese Informationen stehen anschließend für die kommunale Planung zur Verfügung.
Für Kommunen entsteht dadurch eine Datengrundlage, die über die reine Darstellung einer Route hinausgeht. Sie können erkennen, wo sich Schulwege bündeln und an welchen Stellen Kinder Schwierigkeiten oder Gefahren wahrnehmen. Die Kommune wertet die erfassten Wege und Problemstellen aus, analysiert die Verkehrssituation, kann Maßnahmen zur Beseitigung von Schwachstellen anstoßen und weist schließlich die empfohlenen Schulwege aus. Sinnvoll ist deshalb eine enge Zusammenarbeit zwischen Kommune und Schule.
Land unterstützt Kommunen über MOVERS
Kommunen erhalten vom Land bei der Schulwegplanung Unterstützung über das Programm MOVERS – Aktiv zur Schule. Die gemeinsame Initiative des Verkehrs-, Innen- und Kultusministeriums Baden-Württemberg unterstützt Schulen und Kommunen dabei, eine sichere und selbstständige Mobilität von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Koordiniert wird MOVERS von der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW).
Schulwegplanung ist dabei nur ein Baustein. Zum Programm gehören beispielsweise auch Schulstraßen, der Ausbau von Rad- und Fußwegen, Rad- und Rollerabstellanlagen, das Schulradeln und weitere Angebote zur Förderung aktiver Mobilität. Für Kommunen interessant ist vor allem die praktische Begleitung: Nach einem Erstgespräch mit der MOVERS-Servicestelle kann eine kostenfreie Beratung vor Ort erfolgen. Mobilitätsberaterinnen und -berater analysieren gemeinsam mit den Verantwortlichen den Bedarf und unterstützen bei Auswahl und Umsetzung geeigneter Maßnahmen. Auch bei Fördermöglichkeiten bietet MOVERS Unterstützung.
Damit kann aus einem Schulwegplan mehr werden als eine Karte für Eltern. Die Erhebung kann beispielsweise zeigen, dass an einer bestimmten Stelle eine sichere Querungsmöglichkeit fehlt, dass Geh- oder Radwege verbessert werden sollten oder dass der Autoverkehr unmittelbar vor einer Schule zum Problem wird. Die Schulwegplanung kann so zum Ausgangspunkt für konkrete kommunale Maßnahmen werden.
Förderung für Schulwegpläne möglich
Für Kommunen ist dabei auch die Finanzierung interessant. Das Land Baden-Württemberg fördert die Erstellung qualifizierter Fachkonzepte. Antragsberechtigt sind unter anderem Städte, Gemeinden sowie Stadt- und Landkreise. Die Förderquote beträgt bis zu 50 Prozent der zuwendungsfähigen Kosten. Nach den Informationen von MOVERS können über diese Förderung auch Kosten für die Erstellung von Schulwegplänen unterstützt werden. Anträge für qualifizierte Fachkonzepte können unterjährig gestellt werden.
Für kommunale Verwaltungen kann es sich deshalb lohnen, bestehende Schulwegpläne nicht nur bereitzuhalten, sondern regelmäßig zu überprüfen: Stimmen die empfohlenen Routen noch mit der tatsächlichen Situation überein? Sind neue Gefahrenpunkte entstanden? Und lassen sich aus den Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern konkrete Verbesserungen ableiten?
Weniger Elterntaxis vor dem Schultor
Ein weiterer Ansatzpunkt liegt unmittelbar vor den Schulen. Denn ausgerechnet der Versuch, Kinder möglichst sicher mit dem Auto bis zum Schultor zu bringen, kann dort neue Risiken schaffen. Eine Untersuchung des ACE Auto Club Europa an 167 Grundschulen erfasste 6.422 Fahrzeuge. Bei 41 Prozent wurden Regelverstöße beobachtet – etwa Halten im Halteverbot, auf Gehwegen, in Einfahrten oder in zweiter Reihe. Hinzu kamen riskante Wendemanöver und rückwärtsfahrende Fahrzeuge.
Deutsche Verkehrswacht und ACE empfehlen deshalb Alternativen zum klassischen Elterntaxi. Kann auf das Auto nicht verzichtet werden, können Hol- und Bringzonen beziehungsweise Elternhaltestellen mit Abstand zur Schule eine Lösung sein. Empfohlen wird, Kinder mindestens 500 Meter vor dem Schulgelände aussteigen und die letzten Meter zu Fuß gehen zu lassen. Weitere Möglichkeiten sind sogenannte Laufbusse, bei denen Kinder auf einer festgelegten Route gemeinsam zur Schule laufen, oder – bei geeigneten Voraussetzungen – das gemeinsame Radfahren.
Auch solche Maßnahmen können Kommunen im Rahmen von MOVERS aufgreifen. Das Landesprogramm unterstützt unter anderem bei Schulstraßen und weiteren infrastrukturellen Maßnahmen im Umfeld von Schulen.