Lernen neu gedacht - Schulcampus Süßen
An einem Schultag mussten Schülerinnen und Schüler in Süßen noch vor wenigen Jahren den Pausenhof überqueren, um zum Chemieunterricht zu gelangen. Mehrere Gebäude, deutliche Höhenunterschiede, schmale Treppen und dunkle Fachräume im Untergeschoss prägten den Alltag. Was jahrzehntelang funktionierte, passte längst nicht mehr zu einem zeitgemäßen Verständnis von Schule. Lehrkräfte organisierten sich mit viel Improvisation, Kinder und Jugendliche arrangierten sich – und in der Verwaltung wuchs die Gewissheit, dass punktuelle Sanierungen nicht mehr ausreichen würden.
Heute wächst an gleicher Stelle in der Stadt im Landkreis Göppingen mit rund 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern der Schulcampus Bizet. Er steht für einen grundlegenden Perspektivwechsel: Weg von der reinen Gebäudeinstandhaltung, hin zur Schule als zusammenhängendem Lernraum. Ein zentrales Prinzip war dabei von Beginn an klar. „Man muss die Schülerinnen und Schüler mitnehmen“, sagt Mathias Ilgen vom Stadtbauamt Süßen. Dieser Gedanke prägt den Neubau bis ins Detail.
Eine Ausgangslage, die viele Kommunen kennen
Die bauliche Ausgangslage war typisch für viele Kommunen. Auf dem Areal befanden sich eine ehemalige Hauptschule, inzwischen Gemeinschaftsschule, sowie eine Realschule, verteilt auf mehrere Gebäude mit Bausubstanz aus den 1950er-Jahren. Lüftung, Brandschutz und energetischer Zustand entsprachen nicht mehr den heutigen Anforderungen, barrierefrei erreichbar war kein einziges Klassenzimmer. Hinzu kamen verwinkelte Grundrisse, zahlreiche Höhenversprünge und Fachräume, die nur über weite Wege erreichbar waren. Aus Sicht der Stadt hätte eine Sanierung hohe Risiken bedeutet, ohne jemals den Standard zu erreichen, der heute an eine moderne Schule gestellt wird. Die Entscheidung fiel daher bewusst auf Rückbau und Neubau.
Dem Anrollen des ersten Baggers, ging ein sorgfältiger Planungsprozess voraus. Im Dezember 2020 schrieb die Stadt Süßen einen Architekturwettbewerb aus. Ziel war es, nicht nur neue Gebäude zu entwerfen, sondern einen Campus, der pädagogische, städtebauliche und funktionale Anforderungen gleichermaßen erfüllt. Den Zuschlag erhielt das Büro Gaus Architekten aus Göppingen. Parallel zur Entwurfsarbeit wurden Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler in Beteiligungsformaten eingebunden – begleitet durch das Jugendhaus Süßen. So flossen früh Erfahrungen aus dem Schulalltag in die Raumkonzepte ein.
Der neue Campus entsteht in drei Bauteilen, die funktional miteinander verbunden sind. Während der Bauzeit bleibt das Hauptgebäude der Gemeinschaftsschule in Betrieb, Pausenflächen mussten interimsmäßig neu organisiert werden. Eine nahegelegene Tartanfläche wurde kurzerhand über einen provisorischen Weg angebunden, um den Schülerinnen und Schülern trotz eingeschränkter Flächen ausreichend Bewegungsraum zu bieten. Solche pragmatischen Lösungen kennzeichnen das Projekt ebenso wie der langfristige Anspruch.
Der Bau erfolgt in mehreren Baukörpern, die nacheinander realisiert werden, um den Schulbetrieb während der Bauzeit aufrechterhalten zu können. Der Spatenstich erfolgte im Dezember 2022, das Richtfest wurde im Frühjahr 2024 gefeiert. Die Fertigstellung des Campus ist für Mitte 2026 vorgesehen, sodass der neue Schulbetrieb ab dem kommenden Schuljahr vollständig aufgenommen werden kann.
Räume, die Lernen und Aufenthalt neu verbinden
Besonders sichtbar wird der neue Ansatz im Inneren der Gebäude. Breite Flure sind nicht mehr reine Verkehrsflächen, sondern Aufenthaltsorte mit Nischen, Einbaumöbeln und Sitzgelegenheiten. Lernlandschaften ermöglichen es, Unterricht aus dem Klassenraum herauszulösen und in kleinere Gruppen oder ruhigere Zonen zu verlagern. Ein Lernzentrum steht den Schülerinnen und Schülern für selbstständiges Arbeiten zur Verfügung, etwa zwischen Unterrichtsende und Abfahrt des Schulbusses. Herzstück des Campus ist eine großzügige Lerntreppe, die sich über mehrere Geschosse erstreckt und als Treffpunkt, Aufenthaltsraum und bei Bedarf sogar als Zuschauertribüne für schulische Veranstaltungen genutzt werden kann. Unterhalb der Treppe entstehen bewusst geschütztere Bereiche mit Sofas und Rückzugsmöglichkeiten.
Ein besonderer Stellenwert kam der Frage zu, wie unterschiedliche Altersgruppen und Schulformen gemeinsam lernen und leben können. Der Campus vereint künftig Gemeinschaftsschule, Realschule und die sonderpädagogische Schule unter einem Dach. Ergänzend entsteht eine engere räumliche Anbindung an die bestehende Grundschule. Der Campus bildet damit künftig das schulische Zentrum der Stadt.
Für das SBBZ entstehen kleinere Klassenräume, Differenzierungsräume, eine Schülerküche sowie eigene Verwaltungs- und Lehrerbereiche. Gleichzeitig nehmen die Schülerinnen und Schüler selbstverständlich am Campusleben teil, essen gemeinsam in der Mensa und begegnen sich im Alltag. Die bauliche Antwort darauf ist keine strikte Trennung, sondern eine fein abgestimmte Zonierung, die Orientierung und Sicherheit bietet, ohne auszugrenzen.
Der Neubau folgt dabei nicht nur funktionalen, sondern auch ökologischen Leitlinien. Die Planung orientiert sich an den Kriterien der DGNB-Nachhaltigkeitsstandards. Entstanden ist ein Holzhybridbau, der Holz als sichtbares Gestaltungselement im Innenraum nutzt und gleichzeitig hohe energetische Anforderungen erfüllt. Große Glasflächen sorgen für Tageslicht, warme Holzoberflächen für eine angenehme Atmosphäre. Der Campus versteht sich damit auch als Beitrag zum nachhaltigen kommunalen Bauen.
Mehr als Verpflegung: Die Mensa als sozialer Ort
Deutlich werden zentrale Verbesserungen auch in der neuen Mensa. Statt eines dunklen, beengten Untergeschosses entsteht nun ein heller, großzügiger Raum mit direktem Bezug nach außen. Eine Terrasse öffnet sich zum südlichen Pausenhof, eine Cafeteria mit Automaten und Wasserspendern ergänzt das Angebot. Die Möblierung schafft unterschiedliche Aufenthaltsqualitäten, sodass jüngere Kinder andere Bereiche nutzen als ältere Schülerinnen und Schüler, ohne dass dies durch starre Abgrenzungen erzwungen wird. „Die Kunst ist, dass alle zusammenkommen, sich aber trotzdem wohlfühlen“, beschreibt Ilgen den Anspruch.
Investition mit langfristigem Nutzen
Mit Gesamtkosten von rund 26,3 Millionen Euro ist der Schulcampus Bizet ein großes kommunales Projekt. Ein erheblicher Teil wird durch Fördermittel getragen, unter anderem aus der Schulbauförderung, durch Programme der Kreditanstalt für Wiederaufbau sowie aus Bundes- und Landesmitteln für den Ausbau der Ganztagsbetreuung. Eigenanteile und Darlehen komplettieren die Finanzierung. Neben Zuschüssen fließen Erlöse aus städtischen Grundstücksverkäufen der Kommune ein. Der verbleibende Anteil wird über langfristige Kredite gedeckt. Damit verteilt sich die Investition auf mehrere solide Finanzierungsbausteine.
Entscheidend ist jedoch weniger die absolute Summe als der langfristige Nutzen. Durch das Zusammenlegen ehemals doppelt vorhandener Fachräume konnten Flächen reduziert und die Nutzung intensiviert werden. Aus fünf Technikräumen wurden drei, ähnlich verhielt es sich bei Naturwissenschaften, Musik und Kunst. Fachräume, die früher teilweise einen ganzen Tag leer standen, werden nun effizient genutzt. „Wir bauen jetzt eine Schule und keine zwei“, fasst Ilgen diesen Ansatz zusammen.
Auch im Betrieb entfaltet der Campusgedanke Wirkung. Barrierefreiheit wird nicht allein durch Aufzüge hergestellt, sondern durch eine intelligente Verbindung von Alt- und Neubau über Rampen und kurze Wege. So lassen sich große Teile des Bestandsgebäudes barrierefrei erschließen, ohne kostenintensive Eingriffe. Gleichzeitig vereinfacht die Zusammenführung der Schulen viele organisatorische Abläufe. Reinigungskräfte, Hausmeisterdienste und Materialbeschaffung können zentral organisiert werden, Verwaltungsprozesse werden schlanker, der laufende Betrieb insgesamt wirtschaftlicher.
Der Schulcampus Bizet zeigt, dass Schulbau mehr ist als eine bauliche Aufgabe. Er ist eine strategische Entscheidung für die Zukunft einer Kommune. Wer ehrlich abwägt, ob ein Altbau noch eine tragfähige Perspektive bietet, wer Synergien konsequent nutzt und die späteren Nutzerinnen und Nutzer ernst nimmt, schafft nicht nur bessere Räume, sondern bessere Bedingungen für Lernen und Arbeiten. Oder, wie es Mathias Ilgen nüchtern formuliert: Wenn Räume funktionieren, funktioniert Schule einfach besser.