„Authentizität schlägt Professionalität“
Wenn Bürgermeister zum Handy greifen, läuft in der Regel etwas Wichtiges: Grußwort, Spatenstich, Neujahrsempfang. Ganz anders beim Format „Tatort Rathaus – Schwätza statt schaffa!“. Fünf Bürgermeister und eine Bürgermeisterin aus dem Landkreis Göppingen zeigen hier, dass Verwaltung auch anders kann – nahbar, humorvoll und mit einem Augenzwinkern.
Unterlegt mit Beats von Dr. Dre erzählen sie in kurzen Clips aus ihrem Alltag. Christopher Flik, Bürgermeister von Zell unter Aichelberg, liegt da etwa mit seinem Hund auf dem Fußboden seines Wohnzimmers und erklärt locker die Hundesteuer. Wie viele Hunde es in Zell gibt, warum Kampfhunde mehr kosten und wofür die Gemeinde das Geld ausgibt – alles wird charmant in rund zwei Minuten erklärt.

Dennis Eberle aus Salach wiederum räumt mit Papierstapeln auf: „Die Dinger hier brauchen wir nicht mehr“, sagt er und erklärt, wie Bauanträge inzwischen komplett digital laufen. Jochen Bidlingmaier aus Albershausen widmet sich der kommunalen Wärmeplanung – gemeinsam mit Kollegen im Büro, in der Biogasanlage und vor dem Kuhstall. Dazu kommen Karin Gansloser (Schlat), Markus Schweizer (Deggingen) und Sascha Krötz (Schlierbach).
Das Ziel: Bürgerinnen und Bürgern zeigen, was Verwaltung eigentlich tut – und warum. Gesetze, Satzungen und Pflichten, die oft abstrakt wirken, bekommen Gesichter. Dass die Videos selbstgedreht sind, macht sie nur authentischer. Kein Hochglanz, keine PR-Agentur, sondern echtes Amtsleben mit Augenzwinkern.
Vom Wahlaufruf zur Social-Media-Serie
Wie es dazu kam, erklärt Jochen Bidlingmaier stellvertretend für das Team: „Wir haben für die letztjährige Kommunalwahl den Versuch unternommen, den jüngeren Wählerinnen und Wählern nahezubringen, wie einfach das ist. Hierfür wurden wir beim Staatsanzeiger Award auch mit dem dritten Platz belohnt. Das hat uns angespornt, eine neue Reihe ins Leben zu rufen.“
Der Funke sprang über – und zwar aus einer spontanen Begegnung heraus. „Die Idee selbst ist ganz spontan bei einem Treffen unter Bürgermeisterkollegen entstanden – genauer gesagt, in einer dieser typischen Gesprächssituationen, in denen man merkt: Wir reden oft über dieselben Themen, haben dieselben Herausforderungen, und eigentlich könnten wir das auch mal mit einem Augenzwinkern erzählen.“
So wurde „Tatort Rathaus“ geboren – und mit dem augenzwinkernden Untertitel „Schwätza statt schaffa!“ versehen. „Der Titel hat einfach perfekt gepasst“, sagt Bidlingmaier. „Wichtig war uns von Anfang an: Es soll authentisch, humorvoll und nah dran sein – keine trockene Verwaltungsinformation, sondern ein Format, das zeigt, dass auch hinter der Rathausfassade Menschen stecken, die ihren Job mit Herzblut machen.“
Gemeinschaftsprojekt mit Eigenleben
Das Besondere an der Reihe: Jede Kommune bringt ihre eigene Handschrift mit. Die einen drehen im Büro oder im Sitzungssaal, andere draußen – etwa am Biogasanlagen-Zaun oder auf dem Rathausbalkon. „Wir stimmen uns grob ab, damit die Folgen zueinander passen und thematisch eine gewisse Linie haben – aber jede Kommune bringt ihren eigenen Stil, ihre eigenen Themen und natürlich auch ihren eigenen Humor ein“, erklärt Bidlingmaier.
Koordiniert wird das Ganze pragmatisch. „Damit es keine Doppelungen gibt und jeder weiß, wann er dran ist, haben wir einen Onedrive-Ordner, auf den jeder Zugriff hat.“ Mehr Organisation braucht es nicht – was zählt, ist der Spaß an der Sache. So ist „Tatort Rathaus“ kein offizieller Kanal, sondern ein loses Netzwerk kreativer Rathauschefs, die gemeinsam an einem Strang ziehen. „Das ist ja das Schöne an „Tatort Rathaus“: Wir haben ein gemeinsames Dach, aber jeder darf kreativ sein. Mal wird im Rathaus gedreht, mal draußen, mal ist’s eher informativ, mal einfach nur zum Schmunzeln. Hauptsache echt!“

Warum kommt das Format so gut an? Weil es eine Lücke füllt. Die Verwaltung taucht sonst selten in den sozialen Medien auf – und wenn, dann meist mit nüchternen Pressemitteilungen oder Veranstaltungshinweisen. „Tatort Rathaus“ dagegen macht den Alltag sichtbar, erklärt, wie Satzungen entstehen, warum Formulare notwendig sind oder weshalb Bauanträge digital gestellt werden müssen. „Unser Ziel ist, die Verwaltung ein Stück greifbarer zu machen“, sagt Bidlingmaier. „Viele wissen gar nicht, wie vielfältig und lebendig der Alltag im Rathaus ist – und dass dort oft mit mehr Humor gearbeitet wird, als man denkt.“
Und die Resonanz? „Die schönsten Rückmeldungen sind die, wenn Bürgerinnen und Bürger sagen: ‚Endlich redet mal jemand so, wie wir auch reden.‘ Oder wenn sie merken: Politik und Verwaltung können auch sympathisch, locker und selbstironisch sein.“ Wenn nach einer neuen Folge im Ort geschmunzelt wird, so Bidlingmaier, „dann haben wir alles richtig gemacht“.
Themen, die jeder kennt
Dass Humor wirkt, zeigt sich bei der Themenwahl. „Am besten funktionieren Themen, bei denen sich die Leute wiederfinden – zum Beispiel Bürokratie oder typische Missverständnisse zwischen Bürger und Verwaltung“, erzählt Bidlingmaier. Das Rezept ist einfach: ein klarer Bezug zum Alltag, ein sympathisches Gesicht, und vor allem nahbar sein und nicht staatstragend.
Künftig wollen die Macher noch stärker auf Alltagsfragen eingehen – also Dinge, die im Rathaus tatsächlich täglich vorkommen: Genehmigungen, Satzungen, Gebühren, Verwaltungsvorgänge. Damit das gelingt, braucht es kein großes Budget. Gedreht wird mit dem Handy, geschnitten am Laptop oder direkt in der Instagram-App.
Am Ende zählt Haltung, nicht Perfektion. „Einfach anfangen – und sich trauen, auch mal unperfekt zu sein!“, rät Bidlingmaier anderen Kommunen, die mit Social Media starten wollen. „Authentizität schlägt Professionalität, gerade in sozialen Medien. Unser Zeitbudget gibt hierfür meist nur ein sehr begrenztes Zeitfenster her.“
Wichtig sei, Freude und Überzeugung zu zeigen. „Man muss nicht alles durchinszenieren. Die Menschen merken, wenn jemand mit Freude und Überzeugung hinter dem steht, was er tut.“ Und dann fügt er hinzu: „Humor ist erlaubt. Selbst in der Verwaltung. Vielleicht sogar gerade dort.“
Mehr als ein Gag – ein neues Verständnis von Kommunikation
Was mit einem Wahlaufruf begann, hat sich zu einem Best-Practice-Beispiel für moderne Bürgerkommunikation entwickelt. „Tatort Rathaus“ beweist, dass es oft gar keine teuren Kampagnen braucht, um Menschen zu erreichen. Entscheidend sind Nähe, Glaubwürdigkeit – und ein Stück Selbstironie.
Die kurzen Clips schaffen das, was vielen Behördenkanälen schwerfällt: Sie zeigen Haltung, ohne belehrend zu sein. Sie vermitteln Wissen, ohne trocken zu wirken. Und sie machen Lust auf mehr – nicht auf Politik, sondern auf Mitreden, Mitdenken, Mitgestalten. Mit „Tatort Rathaus – Schwätza statt schaffa!“ haben sechs Kommunen im Landkreis Göppingen vorgemacht, wie Verwaltung im digitalen Zeitalter sympathisch kommunizieren kann. Ein Smartphone, ein gutes Thema und der Mut, auch mal über sich selbst zu lachen – mehr braucht es nicht, um Bürgernähe neu zu definieren.
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Die Folgen von „Tatort Rathaus“ finden Sie auf den Accounts der Bürgermeisterin und den Bürgermeistern auf Instagram, beispielsweise unter https://is.gd/8BOna0
