Warum die Stromnetze zum Standortfaktor für Kommunen werden
Die Warnung der EnBW sorgt derzeit für Aufmerksamkeit: Baden-Württembergs Stromnetze stoßen zunehmend an ihre Grenzen. „Wir erleben seit mehr als zwölf Monaten eine überraschend starke Dynamik bei Netzanschlussbegehren“, sagte EnBW-Vorstand Dirk Güsewell der Stuttgarter Zeitung. Vor allem Unternehmen, Betreiber von Ladeparks sowie Projekte im Bereich erneuerbare Energien müssten teils lange auf Anschlüsse warten. Für Kommunen gewinnt das Thema damit strategische Bedeutung – etwa bei Gewerbeansiedlungen, Wohnbauprojekten oder dem Ausbau der Ladeinfrastruktur.
Dabei sorgt die Struktur der Energieversorgung häufig für Verwirrung. Denn hinter Begriffen wie EnBW, Netze BW oder TransnetBW stehen unterschiedliche Unternehmen mit verschiedenen Aufgaben. Die EnBW selbst ist zunächst der große Energiekonzern mit Sitz in Karlsruhe. Zum Konzern gehören jedoch mehrere Netzgesellschaften. Die Netze BW betreibt große Teile der regionalen und lokalen Verteilnetze im Land – also jene Infrastruktur, die Haushalte, Gewerbegebiete, Industrieanlagen oder Photovoltaik-Anlagen konkret an das Stromsystem anschließt.
Daneben gibt es die TransnetBW. Sie ist einer von vier deutschen Übertragungsnetzbetreibern und für das Höchstspannungsnetz zuständig. Dieses Netz bildet gewissermaßen die „Stromautobahn“ des Landes und transportiert große Strommengen über weite Distanzen. Die Netze BW hingegen kümmert sich eher um die „letzten Kilometer“ bis zu Kommunen, Betrieben und Wohngebieten.
Engpässe entstehen oft vor Ort
Für Städte und Gemeinden ist vor allem diese lokale Ebene entscheidend. Denn selbst wenn überregionale Stromtrassen ausreichend Kapazitäten bereitstellen, können vor Ort Engpässe entstehen – etwa durch fehlende Umspannwerke, überlastete Leitungen oder lange Genehmigungsverfahren. Genau dort schlagen die Veränderungen der Energiewende inzwischen mit voller Wucht auf.
Der Ausbau von Wärmepumpen, Wallboxen, Batteriespeichern und Photovoltaik-Anlagen führt vielerorts zu deutlich steigenden Anschlussanfragen. Nach Angaben der EnBW gingen allein 2025 rund 75.000 Anträge für Anschlüsse erneuerbarer Energiequellen ein – etwa dreimal so viele wie noch 2021. Besonders dynamisch sei die Entwicklung in Teilen Mittelbadens. Dort entsprächen neue Anschlusswünsche bereits der Hälfte des heutigen Spitzenbedarfs der gesamten Region.
Für Kommunen kann das konkrete Folgen haben. Neue Gewerbeansiedlungen, Rechenzentren oder Ladeparks benötigen häufig hohe Netzkapazitäten. Verzögert sich der Anschluss, kann dies Investitionen bremsen oder Standortentscheidungen beeinflussen. Auch beim Wohnungsbau spielt die Netzfrage zunehmend eine Rolle – etwa wenn neue Quartiere vollständig elektrisch versorgt oder mit Ladeinfrastruktur ausgestattet werden sollen.
Milliardeninvestitionen und lange Planungszeiten
Der notwendige Ausbau der Netze gilt allerdings als komplex und langwierig. Neue Umspannwerke benötigen laut EnBW oft mehrere Jahre Planung und Bauzeit. Beim Neubau großer Hochspannungsleitungen können sogar Zeiträume von zehn bis zwanzig Jahren entstehen. Gleichzeitig stehen Netzbetreiber unter regulatorischem Druck: Sie dürfen Netze nicht beliebig „auf Verdacht“ ausbauen, sondern müssen den konkreten Bedarf nachweisen.
Auch die Eigentümerstruktur zeigt, welche Bedeutung die Infrastruktur inzwischen hat. Die TransnetBW gehört heute nicht mehr vollständig der EnBW. Neben dem Energiekonzern halten inzwischen auch öffentliche und institutionelle Investoren Anteile, darunter die KfW. Hintergrund sind die enormen Investitionssummen, die für Projekte wie neue Höchstspannungsleitungen oder die Integration erneuerbarer Energien benötigt werden.
Für Kommunen dürfte das Thema deshalb dauerhaft auf die politische Agenda rücken. Denn die Energiewende entscheidet sich nicht nur beim Bau neuer Wind- und Solaranlagen, sondern zunehmend auch bei der Frage, wie schnell Strom dort ankommt, wo er gebraucht wird.