Der Ausbau der Energiegewinnung aus erneuerbaren Energien schreitet voran – wie hier auf der Schwäbischen Alb. Entscheidend ist jedoch, dass auch das Stromnetz mithält.
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Bewährungsprobe Netzausbau

Der Ausbau der Stromnetze ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass die Energiewende gelingt – und mit ihr die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Das zeigt sich besonders auf kommunaler Ebene: Es geht um Versorgungssicherheit vor Ort – und um die Frage, ob der Prozess wie geplant in zügigen Verfahren umgesetzt werden kann.

Seit 2010 verfolgt die Bundesrepublik das Ziel, den Großteil ihrer Energie aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen. Dafür braucht es naturgemäß einen umfassenden Ausbau von Anlagen zur Energiegewinnung aus Erneuerbaren. Viele Projekte wurden in den vergangenen Jahren bereits realisiert. Auch Baden-Württemberg verfolgt in dieser Hinsicht ambitionierte Ziele: Bis 2030 sollen mindestens 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. Derzeit entstehen im Land beispielsweise zahlreiche Windparks, etwa bei Ravensburg, Seewald oder Gomadingen.

Der Netzausbau als Schlüssel zur Energiewende

Zugleich gilt es dafür einen grundlegenden Umbau der Stromnetze zu realisieren. Denn die Einspeisung erneuerbarer Energien verändert das Stromnetz grundlegend: Statt weniger zentraler Kraftwerke speisen heute zunehmend zahlreiche dezentrale Anlagen wie Wind- und Solarkraft wetterabhängig in das Netz ein. Diese schwankende Einspeisung erschwert das sogenannte Lastmanagement und macht das Stromsystem komplexer. Weil nicht alle Schwankungen steuerbar sind, braucht es somit zusätzliche Netzkapazitäten.

Der sogenannte Netzausbau zählt vermutlich zu den größten Infrastrukturprojekten, die Baden-Württemberg und ganz Deutschland je bewältigen mussten. Pro Einwohner wird mit Investitionen von 4.000 bis 5.000 Euro gerechnet. Denn es geht hier nicht nur um den Austausch der bestehenden Stromnetze, sondern die Energiewende bedeutet auch, dass die Stromproduktion deutlich erhöht wird.

Regionale Beispiele zeigen den steigenden Bedarf

Neben der Wärmewende, bei der künftig viele Gebäude mit strombetriebenen Wärmepumpen beheizt werden sollen, und der wachsenden Zahl batteriebetriebener Pkw treibt auch die Industrie den Strombedarf nach oben. Wirtschaft und Unternehmen im Land rechnen mit einem deutlich höheren Verbrauch – und werden in naher Zukunft auf eine stabile Versorgung angewiesen sein. Ein Beispiel für den steigenden Energiebedarf ist das Logistikunternehmen Dachser, das in Steißlingen im Landkreis Konstanz ein bedeutendes Logistikzentrum betreibt. Für dessen Erweiterung, die unter anderem eine Umstellung auf Elektromobilität vorsieht, wurden im Juni Pläne im Gemeinderat vorgestellt. Der Strombedarf könnte sich dadurch vervierfachen. Kommunale Vertreter betonen daher die Notwendigkeit eines bedarfsgerechten Netzausbaus zur Sicherung der regionalen Entwicklung.

Besuch des Kreisverbands Konstanz bei TransnetBW zum Thema Versorgungssicherheit. In der Mitte: Steißlingens Bürgermeister Benjamin Mors (mit Brille und Namensschild am Revers)
Besuch des Kreisverbands Konstanz bei TransnetBW zum Thema Versorgungssicherheit. In der Mitte: Steißlingens Bürgermeister Benjamin Mors (mit Brille und Namensschild am Revers)

„Unser Ziel ist es, sowohl für Privathaushalte als auch für gewerbliche Standorte eine zuverlässige Energieversorgung sicherzustellen, damit sich unsere Region wirtschaftlich weiterentwickeln kann“, sagt Steißlingens Bürgermeister Benjamin Mors. „Der Bodenseeraum ist eine starke Wirtschaftsregion – mit Singen als Industriestandort und Konstanz in direkter Nachbarschaft – und diese Standorte müssen entsprechend gut versorgt sein.“ Dass der Steißlinger Rathauschef dies so unterstreicht, kommt nicht von ungefähr. Denn ob ein Gleichschritt aus dem Ausbau erneuerbarer Energiegewinnung und Netzausbau gelingt, ist noch nicht ausgemacht. Noch im Jahr 2023 hinkte der Netzausbau in Deutschland rund 6.000 Kilometer und etwa sieben Jahre hinter dem ursprünglichen Zeitplan her. Die Folge waren erhebliche Netzengpässe, durch die rund 19 Terawattstunden erneuerbarer Strom nicht eingespeist werden konnten und abgeregelt wurden.

Steißlingens Bürgermeister Benjamin Mors ist zugleich Kreisvorsitzender des Landkreises Konstanz beim Gemeindetag. Im April fand das Kreisverbandstreffen der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister ausnahmsweise nicht in einem Rathaus statt, sondern im Rahmen einer Exkursion zur TransnetBW nach Stuttgart. Der Übertragungsnetzbetreiber ist für den Großteil des Netzausbaus in Baden-Württemberg zuständig. Ziel der Exkursion war es, sich über Stromnetzausbau, Versorgungssicherheit und Auswirkungen auf kommunale Infrastruktur zu informieren.

Konkret geht es für den Bodenseeraum um das Netzausbau-Projekt Hochrhein. Laut TransnetBW umfasst das Vorhaben die Verstärkung einer rund 140 Kilometer langen Höchstspannungsfreileitung auf zwei 380-Kilovolt-Stromkreise sowie den Ausbau von vier bestehenden und den Neubau eines zusätzlichen Umspannwerks. Das würde die Versorgungssicherheit im südlichen Baden-Württemberg langfristig sichern – insbesondere angesichts steigender Anforderungen an das Übertragungsnetz.

„Man spürte, das Unternehmen nimmt die Herausforderung sehr ernst“, sagt Mors im Rückblick auf das Treffen mit Transnet. „Bemerkenswert war auch, dass Transnet in den letzten Jahren die Zahl der Mitarbeitenden etwa vervierfacht hat – ein klares Zeichen dafür, dass der Netzausbau intensiv vorangetrieben und finanziell wie personell unterlegt wird.“

Der Ausbau von Umspannwerken ist notwendig, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und das Stromnetz effizient zu steuern.
Der Ausbau von Umspannwerken ist notwendig, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und das Stromnetz effizient zu steuern.

Aus kommunaler Sicht ist laut Mors besonders der Ausbau der lokalen Verteilnetze entscheidend – also jener Netze, die auch von Stadtwerken oder anderen Energieversorgern betrieben werden. Nur so können künftig die benötigten Strommengen etwa für Wallboxen, Wärmepumpen und E-Mobilität in Städten und Gemeinden zuverlässig bereitgestellt werden. An der technischen Umsetzbarkeit und der Planungskompetenz von Transnet habe er keine Zweifel, betont Mors. Die eigentliche Herausforderung liege in den langwierigen Genehmigungsprozessen: „Die Verfahren müssen deutlich schneller werden – darin liegt der entscheidende Hebel. Wenn die Genehmigungen zügig erteilt werden, kann der Ausbau erfolgreich umgesetzt werden.“ Die Politik habe inzwischen erkannt, dass die bisherigen Abläufe zu langsam seien.

Gesetzliche Maßnahmen und Beschleunigung des Ausbaus

Damit verweist er auf die Situation vor rund zwei Jahren, als der erhebliche Rückstand beim Netzausbau eine breite politische und öffentliche Debatte auslöste. Diese mündete ab 2024 in mehrere gesetzgeberische Maßnahmen zur Beschleunigung des Ausbaus – darunter Änderungen am Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) und am Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG). Ziel dieser Initiativen war es, Genehmigungsprozesse zu verkürzen, Investitionen zu erleichtern und den Netzausbau besser mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien zu verzahnen.

Die jüngsten gesetzlichen Initiativen zur Beschleunigung des Netzausbaus könnten durchaus erste Wirkung zeigen. Auf Anfrage teilt TransnetBW mit, dass das Projekt Hochrhein im Zeitplan liegt. „Nach aktuellem Planungsstand gehen wir davon aus, die Inbetriebnahme im Jahr 2032 vornehmen zu können.“ Das Umspannwerk Beuren sowie die Leitungseinführung befinden sich bereits im Bau. Die Planfeststellungsunterlagen für Abschnitt 2 wurden im Juni eingereicht, für Abschnitt 3 wird bis zum Spätherbst die Feintrassierung erwartet. Nach Einschätzung von Mors gibt es in den Kommunen seines Kreisverbands bislang kaum Widerstand aus der Bürgerschaft gegen die anstehenden Maßnahmen – etwa im Rahmen der Planfeststellungsverfahren. Seines Wissens nach herrscht vielmehr ein breiter kommunaler Konsens darüber, dass eine verlässliche Energieversorgung entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung der Region ist.

Akzeptanz vor Ort – ein entscheidender Erfolgsfaktor

Dies ist allerdings nicht überall der Fall. In Heddesheim im Rhein-Neckar-Kreis regt sich beispielsweise Widerstand gegen das im Rahmen des Netzausbaus geplante Großumspannwerk „Mannheim-Ost“. Dieses möchte TransnetBW bis 2028 westlich des Ortes auf rund 20 Hektar Ackerfläche errichten. Die örtliche Bürgerinitiative „Nein zum Umspannwerk Heddesheim“ kritisiert insbesondere die fehlende Transparenz bei der Standortwahl sowie eine aus ihrer Sicht ungerechte Lastenverteilung: Während Mannheim von dem Projekt profitiere, habe Heddesheim die Nachteile zu tragen – beispielsweise Flächenversiegelung, Eingriffe in Natur- und Artenschutz (etwa durch die Gefährdung des Feldhamsters) sowie mögliche Belastungen durch Lärm und Infrastrukturmaßnahmen. Auch der Verlust wertvoller landwirtschaftlicher Flächen sorgt für Unmut. Die Initiative fordert eine erneute Prüfung von Alternativstandorten, mehr Beteiligung und den Schutz regionaler Interessen.

Bürgermeister Achim Weitz betont auf Anfrage, dass Heddesheim nicht grundsätzlich die Energiewende oder den Bau notwendiger Umspannwerke ablehnt. Der Widerstand richte sich vielmehr gezielt gegen den bereits festgelegten Standort auf Heddesheimer Gemarkung. Beim ersten Gespräch mit dem Netzbetreiber TransnetBW sei laut Weitz deutlich geworden, dass der Bedarf vor allem aus dem steigenden Stromverbrauch in Mannheim resultiere – eine Verantwortung, die dort politisch stärker wahrgenommen werden müsse. Kritik übt der Bürgermeister insbesondere an der Kommunikation: Die Gemeinde sei erst einbezogen worden, als die Standortentscheidung bereits gefallen war. Dass Heddesheim im Auswahlprozess keine Mitsprache hatte und seine Bedenken erst im laufenden Planfeststellungsverfahren vorbringen kann, bezeichnet Weitz als „deutlich verbesserungswürdig“.

Achim Weitz, Bürgermeister von Heddesheim, vertritt die Vorbehalte seiner Kommune gegen die aktuellen Pläne von TransnetBW.
Achim Weitz, Bürgermeister von Heddesheim, vertritt die Vorbehalte seiner Kommune gegen die aktuellen Pläne von TransnetBW.

Gemeinderat, Verwaltung und Bürgermeister setzen sich nun gemeinsam mit der Bürgerinitiative „Umspannwerk-Nein“ für eine Verhinderung des Projekts am geplanten Standort ein. „Ich habe ein Mandat des Gemeinderates, alle rechtlich zulässigen Möglichkeiten auszuschöpfen, um das Vorhaben hier auf Gemarkung Heddesheim zu verhindern,“ so Weitz. Beschleunigte Verfahren zur Umsetzung der Energiewende bewertet er zwar grundsätzlich positiv, doch wenn eine Gemeinde von Planungen überrascht werde, die „von außen übergestülpt“ wirkten, relativiere sich für ihn dieser Vorteil schnell. Die Mitwirkungsmöglichkeiten seien stark eingeschränkt gewesen, was bei großen Teilen der Bürgerschaft zu Frust führe.

TransnetBW teilt auf Anfrage mit, dass derzeit von einer Inbetriebnahme des Umspannwerks ab dem Jahr 2028 ausgegangen wird. Bei der Standortsuche sei eine umfassende Prüfung mehrerer möglicher Flächen erfolgt. Die Fläche auf der Gemarkung Heddesheim sei dabei als Vorzugsstandort hervorgegangen, da sie im Vergleich zu den untersuchten Alternativen „grundsätzlich besser“ abgeschnitten habe.

Zudem betont TransnetBW, dass regelmäßig Bürgerdialoge und Gespräche mit Gemeinderäten stattfinden. Diese seien „keine reinen Informationsformate“, heißt es in der Stellungnahme. Vielmehr hätten Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, Hinweise und Anregungen einzubringen, die vom Unternehmen aufgenommen und geprüft würden. Besonders verweist TransnetBW aber auf seine gesetzliche Verpflichtung zur Umsetzung der Projekte. „Solange das Stromnetz noch nicht vollständig an die neuen Herausforderungen angepasst ist, drohen häufig Engpässe, weswegen wir Netzbetreiber in den Stromfluss eingreifen müssen. Die hierbei entstehenden Engpassmanagementkosten belasten den Strompreis.“

Der Netzausbau könnte also zu einem der entscheidenden Prüfsteine dafür werden, ob es Deutschland gelingt, die oft kritisierte Langsamkeit bürokratischer Verfahren zu überwinden. Denn ein stabiles Stromnetz – und damit Versorgungssicherheit – ist ein zentraler Faktor für die Zukunftsfähigkeit des Landes, insbesondere für seine Wirtschaft und seinen Wohlstand. Zugleich stellt sich die Frage, wie stark dabei die Interessen der Bürgerinnen und Bürger berücksichtigt werden. In einer Demokratie ist ein sorgfältiger Umgang mit Beteiligung und Akzeptanz schließlich von zentraler Bedeutung.