Sicherheit versus Lebensfreude?
Mit dem Herbstbeginn laufen in vielen Kommunen bereits die Vorbereitungen für öffentliche Veranstaltungen in der kälteren Jahreszeit. Im November stehen vielerorts die Weihnachtsmärkte in den Startlöchern. Auch der Beginn der närrischen Jahreszeit am 11.11. beziehungsweise am 6.1. rückt näher. Wie schon die Saison der Sommerfeste stehen auch diese Veranstaltungen im Schatten mehrerer Anschläge: Im August 2024 erschütterte ein Messerangriff das Stadtfest in Solingen. Im Dezember darauf raste in Magdeburg ein Fahrzeug in den Weihnachtsmarkt. Im Februar 2025 fuhr bei einer Verdi-Kundgebung in München ein Mann gezielt in die Menge.
Städte und Gemeinden überprüften bestehende Sicherheitskonzepte
Unter dem Eindruck dieser Taten reagierten die Behörden. In Baden-Württemberg wies Innenminister Thomas Strobl auf die „hohe abstrakte Gefährdungslage“ hin, die bei der Organisation von Veranstaltungen beachtet werden müsse. Um öffentliche Veranstaltungen besser zu schützen, wurde in der Folge die Polizeipräsenz verstärkt; zudem überprüften viele Städte und Gemeinden bestehende Sicherheitskonzepte und passten diese bei Bedarf an.
Die neuen Vorkehrungen blieben nicht ohne Folgen. In Bietigheim-Bissingen wurden beispielsweise das traditionsreiche Osterbrunnenfest in der Altstadt sowie der Ostermarkt in Bissingen abgesagt. Um die Sicherheit für Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie Besucherinnen und Besucher zu gewährleisten, waren sieben mobile und vier feste Fahrzeugsperren für notwendig erachtet worden – für die Veranstalter ein „nicht tragbarer planerischer und finanzieller Aufwand“.

Doch glücklicherweise führen nicht überall die erhöhten Sicherheitsanforderungen zu Absagen: Eine Stadt, die sich derzeit intensiv auf die kommende Fasnet-Saison vorbereitet, ist Stockach im Landkreis Konstanz. Dort findet ein bundesweit bekanntes Fastnachtsereignis statt: das Stockacher Narrengericht, eine Tradition, die bis ins Jahr 1351 zurückreicht. Alljährlich am „Schmotzige Dunschtig“ wird eine prominente Persönlichkeit aus Politik oder Gesellschaft humorvoll vor das närrische Gericht geladen. Neben diesem Höhepunkt prägen Umzüge, Bälle und das traditionelle Narrenbaumsetzen die Stockacher Fastnacht. Diese Vielfalt macht die Stadt zu einem Zentrum der schwäbisch-alemannischen Fastnachtstradition.
Im kommenden Jahr steht für die Zunft zudem ein großes Jubiläumsevent an. Das Narrengericht feiert vom 23. bis 25. Januar sein 675-jähriges Bestehen. „Wir erwarten 6.000 Hästräger und rund 12.000 Gäste. Also wird die Einwohnerzahl von Stockach an einem Wochenende verdoppelt“, berichtet Jürgen Koterzyna. Er ist der Narrenrichter von Stockach und damit der oberste Fastnachtsvertreter der Stadt.
„Natürlich sind auch wir durch die grauenvollen Anschläge stärker sensibilisiert.“ Allerdings sagt er auch, dass es durch die Anschlagsgefahr nun keinen Überbietungswettbewerb bei den Sicherheitsanforderungen geben dürfe. Sicherheitsmaßnahmen sollten für ihn mit Augenmaß getroffen werden, sodass der Spaß für die Teilnehmenden nicht eingeschränkt werde. „Oftmals ist es doch so, dass je sichtbarer Sicherheitsmaßnahmen sind, desto unwohler fühlt man sich als Teilnehmer“, sagt er.
Sicherheit: Vorgaben oft eine große Herausforderung
Dass manche Narrenzünfte zuletzt selbst Poller hätten anschaffen oder zusätzliches Sicherheitsmaterial organisieren müssen, sieht er kritisch. „Es kann nicht sein, dass ehrenamtlich geführte Vereine am Ende für Maßnahmen aufkommen sollen, die letztlich in den Bereich der Terrorabwehr fallen.“ Dafür seien Behörden auf Länder- und Bundesebene zuständig. „Wir machen da schon viel, aber man muss die Lasten teilen“, betont Koterzyna.

Vereine wie seiner seien gemeinnützig und ehrenamtlich tätig – „planungstechnisch und kostenseitig sind solche Vorgaben daher oft eine große Herausforderung“. Schon jetzt leisteten sie viel, um Veranstaltungen in den Städten und Gemeinden auf die Beine zu stellen. Vereine hätten ohnehin „seit Langem mit bürokratischen Hürden zu kämpfen“. Als Beispiel nennt er GEMA-Meldungen selbst für Veranstaltungen ohne Eintritt, komplexe Vorgaben der Versammlungsstättenverordnung oder die Forderung im Rahmen von Verkehrsführungen und Straßensperren, die kleinere Vereine kaum stemmen könnten. „Wenn man Spenden sammeln muss, um die Grundvoraussetzungen für eine öffentliche Veranstaltung zu erfüllen, ist das einfach zu viel“, warnt der Narrenrichter.
Probleme bei überregionalen Stellen
Die Arbeit mit den Behörden in Stockach lobt er dagegen ausdrücklich: „Die Zusammenarbeit mit Stadt, Landkreis, Feuerwehr und Polizei funktioniert hervorragend. Wir arbeiten hier seit vielen Jahren sehr gut zusammen.“ Probleme entstünden vor allem dann, wenn überregionale Stellen eingebunden seien.
So war für den Umzug im kommenden Jahr zunächst eine zweitägige Sperrung der Ortsdurchfahrt, einer Bundesstraße, geplant. Die Kosten für das dafür unter anderem vom Regierungspräsidium geforderte alternative Verkehrsleitsystem hätten sich jedoch auf 20.000 bis 35.000 Euro belaufen – zu viel für den gemeinnützigen Verein. Deshalb entschied man sich, die Umzugsstrecke zu verkürzen und den Verkehr stattdessen durch Temporeduzierung zu beruhigen. Umleitungen innerhalb von Stockach werden dafür nun vollständig von der Stadt beziehungsweise den Technischen Diensten organisiert. „Das ist eine große Unterstützung, die nicht selbstverständlich ist“, unterstreicht Koterzyna.
Er hofft, dass auch andere Kommunen so unterstützend verfahren. Denn solche Veranstaltungen wie die Stockacher Fasnet seien nur dank der großen ehrenamtlichen Gemeinschaftsleistung möglich: „Unser Verein hat sieben Arbeitsgruppen gebildet, jeweils mit vier bis acht Mitgliedern. Diese Teams arbeiten seit zwei Jahren kontinuierlich an den Vorbereitungen des Jubiläums.“ Allein am Veranstaltungswochenende seien über 200 Vereinsmitglieder im Einsatz. Zusätzlich helfen zahlreiche weitere Akteure – Sportvereine, Musikvereine und private Gruppen – etwa bei Bewirtung und Logistik. „In Stockach ist die Fasnet eine Sache der ganzen Stadt. Jeder, der etwas beitragen kann, packt mit an.“
Events bedeutende Image- und Wirtschaftsfaktoren für Regionen
Die Anforderungen wie Sicherheitsabsperrungen werden in Stockach mithilfe von Fahrzeugen von Unternehmen und der Feuerwehr umgesetzt. Dazu stellen regionale Firmen Material und Personal bereit. „Ohne das würde es nicht gehen“, unterstreicht der Narrenrichter. Im kommenden Jahr belaufen sich die Kosten des Jubiläums schließlich auch so schon auf rund 120.000 Euro. Finanziert wird sie durch Spenden, Zuschüsse von Stadt und Landkreis, die Unterstützung durch regionale Unternehmen sowie Einnahmen aus der Veranstaltung selbst.
Kritisch sieht Koterzyna die fehlende Unterstützung durch überregionale Stellen: Außerhalb des Landkreises gebe es bei ihnen keine Förderung. Sein Eindruck: Bestehendes, das gepflegt werde, sei nicht förderfähig, während neue oder einmalige Projekte leichter an Gelder kämen. Für die Pflege des Brauchtums Fastnacht wünsche er sich deshalb mehr Hilfe – gerade in Hinblick auf die neuen Sicherheitsvorkehrungen.
„Gezielte Fördermittel von Land und Bund wären nötig, insbesondere für mobile Fahrzeugsperren, technische Barrieren oder den Einsatz externer Sicherheitsdienste. Gleiches gilt für Versicherungen, GEMA-Gebühren oder kostenpflichtige Einsätze von DRK oder Caritas. Hier braucht es eine klare Finanzierungslinie, damit ehrenamtlich organisierte Veranstaltungen nicht erschwert oder gar in ihrer Existenz gefährdet werden.“
Denn Veranstaltungen wie das Narrengericht oder das bevorstehende Jubiläums-Narrentreffen in Stockach seien schließlich nicht nur kulturelle Höhepunkte, sondern auch bedeutende Image- und Wirtschaftsfaktoren für die Städte. Sie lockten regelmäßig Tausende Besucherinnen und Besucher an, stärkten das Gemeinschaftsgefühl und prägten das kulturelle Profil der Region – ganz zu schweigen von ihrer wirtschaftlichen Bedeutung für Handel und Gastronomie in den Innenstädten.
