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BBSR-Studie: Kein genereller Trend zurück aufs Land

Immer wieder ist von einer neuen „Landlust“ die Rede. Eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zeigt jedoch: Die Wanderungsgewinne vieler ländlicher Regionen haben vor allem demografische Ursachen – und sind kein Beleg für einen grundsätzlichen Trend zurück aufs Land. Auch wenn Baden-Württemberg in der Entwicklung als Sonderfall gilt.

Die Vorstellung einer neuen „Landlust“ hält sich seit Jahren hartnäckig. Vor allem seit der Corona-Pandemie wurde häufig darüber diskutiert, ob Menschen den Großstädten dauerhaft den Rücken kehren und ländliche Regionen wieder an Attraktivität gewinnen. Die neue Studie „Wohn- und Lebenskonzepte in der Peripherie“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) (hier geht's zum Download) kommt jedoch zu einem differenzierteren Ergebnis: Einen grundsätzlichen Trend zum Leben auf dem Land sehen die Forschenden nicht.

Zwar konnten viele kleinere Städte und Gemeinden zuletzt Wanderungsgewinne verzeichnen. Laut der Untersuchung liegt dies jedoch weniger an einer neuen Sehnsucht nach dem Landleben als vielmehr an demografischen Entwicklungen. So leben in vielen ländlichen Regionen heute weniger junge Erwachsene – also genau jene Altersgruppe, die besonders häufig für Ausbildung, Studium oder Beruf umzieht. Dadurch gehen die Wegzüge zurück, ohne dass gleichzeitig deutlich mehr Menschen neu aufs Land ziehen.

„Die Debatte über eine neue Sehnsucht nach dem Land greift zu kurz“, erklärte Stadtforscher Thomas Pütz vom BBSR. Positive Wanderungssalden ländlicher Gemeinden seien vor allem durch Veränderungen der Altersstruktur sowie Entwicklungen auf den Wohnungs- und Arbeitsmärkten erklärbar.

Baden-Württemberg als Sonderfall im bundesweiten Vergleich

Die BBSR-Studie liefert jedoch ein bundesweites Bild. Regionale Besonderheiten bleiben dabei zwangsläufig im Hintergrund. Für Baden-Württemberg zeichnet sich ein differenzierteres Muster ab, wenn man eine frühere Studie des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg betrachtet. Sie zeigte: Auch in BW sind Verluste vor allem in der Ausbildungsphase zu verzeichnen – junge Erwachsene verlassen ländliche Gemeinden für Studium oder Berufsausbildung. Allerdings gibt es in der Familienwanderungsphase eine bemerkenswerte Gegenbewegung: Viele kehren zurück oder ziehen neu zu, wenn Kinder und Wohneigentum ins Spiel kommen. Relevant ist zudem: In den vergangenen Jahren waren in nahezu allen Landkreisen Baden-Württembergs Bevölkerungszugewinne zu verzeichnen. 

Hohe Wohnkosten und Homeoffice verändern Entscheidungen

Für die aktuelle Studie des BBSR wurden Wanderungsdaten bis 2024 ausgewertet. Ergänzend befragte das Forschungsinstitut empirica im Auftrag des BBSR rund 1.000 Menschen, die seit 2019 in peripher gelegene ländliche Gemeinden gezogen waren.

Die Ergebnisse zeigen, dass vor allem Familien den Schritt aufs Land wagen. Häufig stehen dabei klassische Motive im Vordergrund: mehr Wohnfläche, der Wunsch nach Wohneigentum sowie ein ruhigeres Umfeld. Viele ehemalige Großstadtbewohner vergrößerten mit dem Umzug ihre Wohnfläche deutlich und wechselten vom Miet- ins Eigentumsverhältnis.

Auch veränderte Arbeitsmodelle spielen laut Studie eine wichtige Rolle. Insbesondere Homeoffice ermögliche es Beschäftigten zunehmend, weiter entfernt vom Arbeitsplatz zu wohnen. Gleichzeitig erschweren hohe Mieten und Immobilienpreise in Ballungsräumen vielen Menschen den Verbleib in den Städten.

Interessant ist dabei, dass klassische Standortfaktoren offenbar nicht immer ausschlaggebend sind. Aspekte wie Ruhe, Natur, Sicherheit und ein gesundes Wohnumfeld wurden deutlich häufiger genannt als eine gute ÖPNV-Anbindung oder kulturelle Angebote.

Kommunen müssen eigene Stärken gezielt entwickeln

Aus Sicht der Forschenden lässt sich aus den Ergebnissen allerdings keine allgemeingültige Erfolgsstrategie für ländliche Gemeinden ableiten. Vielmehr komme es darauf an, die jeweiligen regionalen Besonderheiten gezielt weiterzuentwickeln.

Eine wichtige Rolle könnten dabei passgenaue Wohnangebote, die Nutzung bestehender Gebäude sowie Investitionen in soziale Infrastruktur und Gemeinschaftsangebote spielen. Gerade Familien achten laut Studie auf Lebensqualität und bezahlbaren Wohnraum. Homeoffice-Nutzende gelten zudem als potenzielle neue Zielgruppe für ländliche Regionen.

Für Kommunen bedeutet dies, dass sie ihre Entwicklung nicht allein auf die Hoffnung einer allgemeinen „Rückkehr aufs Land“ stützen können. Gefragt sind vielmehr konkrete Konzepte für Wohnen, Infrastruktur und Gemeinschaft, die zu den jeweiligen örtlichen Bedingungen passen.