Sensibilisieren, entlasten, unterstützen
die:gemeinde: Die Gesellschaft wird immer älter. Wie wirkt sich diese Entwicklung konkret auf die Zahl der Demenzerkrankungen aus?
Ute Hauser: Alter ist nach wie vor der wichtigste Risikofaktor für eine Demenz. In Baden-Württemberg leben derzeit etwa 220.000 Betroffene, deutschlandweit sind es rund 1,8 Millionen. Schätzungen zufolge könnte die Zahl bis zum Jahr 2050 auf bis zu 2,7 Millionen steigen. Gleichzeitig zeigen aktuelle Daten aber auch Lichtblicke: Das individuelle Erkrankungsrisiko sinkt – vermutlich, weil die Generation, die jetzt älter wird, insgesamt gesünder lebt. Dennoch ist klar: Die absolute Zahl der Betroffenen wird weiter steigen, schlicht weil unsere Gesellschaft insgesamt immer älter wird.
die:gemeinde: Das heißt, Demenz wird zwangsläufig vielerorts zu einem drängenden Thema. Wie gut ist die Gesellschaft darauf vorbereitet? Wie schätzen Sie das Bewusstsein dafür ein?
Hauser: In den vergangenen Jahren hat sich einiges bewegt: Die Erkrankung ist längst nicht mehr so stigmatisiert wie früher, das Thema Demenz ist präsenter und wird intensiver diskutiert – inzwischen sogar in Romanen oder Krimis, was vor 30 Jahren undenkbar gewesen wäre. Gleichzeitig ist das Interesse in der Bevölkerung gewachsen: Viele wollen sich informieren und auch einbringen. Dazu hat die Arbeit der Alzheimer-Gesellschaften bundesweit und vor Ort entscheidend beigetragen. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel – Sensibilisierung vor Ort, in den Quartieren und Kommunen, bleibt eine zentrale Aufgabe.

die:gemeinde: Welche Form der Betreuung gilt heute denn als der beste Weg im Umgang mit Menschen mit Demenz?
Hauser: Das lässt sich nicht pauschal beantworten – es hängt immer vom Menschen ab, von Alter, Form und Stadium der Demenz. Im Frühstadium reicht oft Assistenz im Alltag, später wächst der Betreuungsbedarf, und erst viel später wird Pflege nötig. Viele Betroffene leben zunächst zuhause, oft auch allein, und das geht meist noch eine ganze Weile. Die Angehörigen tragen statistisch bei der Betreuung die Hauptlast – mehr als die Hälfte ohne Hilfe von außen. Auf Dauer geht das aber nicht: Es ist wichtig, dass sich An- und Zugehörige rechtzeitig Unterstützung holen. Auch spezifische Pflege-Wohngemeinschaften können im Laufe der Demenz eine gute Form der Betreuung sein, ebenso wie eine stationäre Einrichtung – das sollte man nicht pauschal ablehnen.
Was das Beste für Menschen mit Demenz ist, kann man also so einfach nicht sagen. Ich kann Ihnen aber sagen, was sie sich wünschen: Die meisten möchten so lange wie möglich in einer vertrauten Umgebung bleiben – selbstbestimmt und selbständig. Und das ist durchaus möglich, wenn man rechtzeitig plant und wenn die Angebotsstruktur stimmt. Darum raten wir, sich möglichst früh Beratung zu holen – mindestens Informationen, besser noch Unterstützung über Hilfestrukturen.
die:gemeinde: Wie können Städte und Gemeinden Strukturen schaffen, die Betroffene und Angehörige unterstützen?
Hauser: Die Kommunen sind für das Thema zentral. Denn überall, wo ältere Menschen wohnen, gibt es in der Regel auch Menschen mit Demenz. Deshalb braucht es dort Sensibilisierung, Beratungsangebote und Hilfestrukturen, die Betroffene und ihre Angehörigen unterstützen. Wichtig ist auch, die Angehörigen im Blick zu haben. Kommunen können hier viel tun, etwa indem sie Netzwerke aufbauen oder unterstützen und ehrenamtliches Engagement stärken – sei es durch Besuchsdienste, Gesprächskreise oder kleine Hilfen im Alltag.
Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Sorgenden Gemeinschaften. Damit meinen wir, dass jeder etwas beitragen kann – vom kleinen Handgriff bis hin zum dauerhaften Ehrenamt. Dafür machen wir übrigens im November einen Fachkongress mit dem Thema „Unterstützungsangebote im Alltag in Sorgenden Gemeinschaften“. Der richtet sich auch an kommunale Vertreterinnen und Vertreter.
Am Ende ist es gar nicht so entscheidend, ob man sich konkret um Menschen mit Demenz kümmert oder allgemein um ältere Menschen: Wichtig ist, dass die Menschen in ihrem Quartier füreinander da sind und sich gegenseitig unterstützen. Hilfreich ist außerdem, wenn es in der Kommune eine verantwortliche Person gibt, die diese Netzwerke koordiniert – das muss gar keine volle Stelle sein. Auch Steuerungsgruppen der einzelnen Netzwerke oder auf Landkreisebene können hier eine wichtige Rolle spielen.
die:gemeinde: Sie sprechen dabei auch von einer „demenzaktiven Kommune“. Was bedeutet das genau?
Hauser: Wir sprechen heute von demenzaktiv, was im Grunde bedeutet, lebensaktive Strukturen zu schaffen. Ziel ist es, Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen zu unterstützen, ihnen ein Leben in vertrauter Umgebung zu ermöglichen und Teilhabe zu sichern. Ganz wichtig ist dabei auch, Einsamkeit entgegenzuwirken, weil sie die Krankheit fördern kann. Dazu gehört für uns, dass auch die kommunale Verwaltung Verantwortung übernimmt – etwa indem der Bürgermeister ein Treffen initiiert und den Aufbau eines Netzwerks unterstützt, und vor allem, dass vor Ort für das Thema sensibilisiert wird.
die:gemeinde: Wie kann eine Kommune für die Krankheit sensibilisieren?
Hauser: Wenn eine Kommune sagt: „Wir machen etwas zum Thema Demenz“, dann bringt das unterstützende Strukturen voran. Dafür haben wir auch Materialien entwickelt, etwa im Rahmen von „Demenz im Quartier“-Kampagnen, gefördert durch das Sozialministerium – und wir unterstützen Kommunen dabei gerne. Entscheidend ist eine offene Beteiligung: Mitmachen können alle – vom Sportverein über die Apotheke, die Volkshochschule oder die Kirche bis hin zur Bürgerschaft und den Menschen mit Demenz selbst.
Sensibilisierung bedeutet im Kern dauerhafte Öffentlichkeitsarbeit. Gelingt es, Interesse zu wecken, kann man Wissen weitergeben, Haltungen verändern – und so Menschen ins Engagement holen.
die:gemeinde: Wie können solche Aktionen konkret aussehen? Welche Kommunen haben aus Ihrer Sicht gute Ansätze entwickelt?
Hauser: Es gibt bereits viele Kommunen, die sich aktiv engagieren und tolle Strukturen geschaffen haben. Ein Beispiel ist Inzigkofen im Landkreis Sigmaringen: Dort wurden neue Angebote entwickelt, darunter ein Gesprächskreis für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Beeindruckend ist auch, was in einem Quartier in Walldorf gelungen ist. Dort haben sich in einem Beteiligungsprozess viele Menschen aus der Bevölkerung eingebracht und gesagt: „Ich kann auch etwas beitragen“ – von kleinen Hilfen zur Bewältigung des Alltags über Stadtspaziergänge bis hin zum Rikscha-Fahrdienst, der die Teilnahme an Angeboten erleichtert.
Solche Beiträge sind enorm wertvoll. In Stuttgart-Bad Cannstatt gibt es Kooperationen mit dem VfB, der Feuerwehr und der Polizei – ein Riesenprogramm mit viel Öffentlichkeitsarbeit. Das sind nur ein paar Beispiele, die zeigen, wie vielfältig Engagement aussehen kann, wenn eine Kommune das Thema wirklich aufgreift und die Menschen vor Ort mitnimmt.

die:gemeinde: Sie sprechen auch von „Lokalen Allianzen für Menschen mit Demenz“. Was genau ist damit gemeint?
Hauser: Der Begriff „Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz“ stammt aus einem Bundesprogramm, das über viele Jahre hinweg gefördert wurde. Deutschlandweit sind dadurch einige Hundert solcher Zusammenschlüsse entstanden. Im Kern handelt es sich dabei um Demenznetzwerke, also Zusammenschlüsse von Akteuren vor Ort, die gemeinsam das Thema voranbringen. Inhaltlich geht es immer darum, vorhandene Strukturen zu vernetzen und gemeinsam Projekte rund um das Thema Demenz umzusetzen.
die:gemeinde: Geht es dabei auch um Maßnahmen, die dazu beitragen können, das Risiko einer Erkrankung zu verringern?
Hauser: Ja, Demenzprävention ist ein wichtiges Feld. Wir kennen inzwischen eindeutige Risikofaktoren: Schwerhörigkeit trägt dazu bei, ebenso Diabetes, Bewegungsmangel, Einsamkeit oder Bluthochdruck. Man geht heute davon aus, dass sich durch Prävention bis zu 45 Prozent der Fälle beeinflussen lassen – vor allem durch soziale Kontakte und körperliche Aktivität, also durch alles, was Freude bereitet und ältere Menschen in Bewegung und Verbindung hält.
Hier können Kommunen viel bewirken, indem sie das Bewusstsein hierfür wecken und Angebote zur Risikoreduktion schaffen. Praktisch kann das heißen, dass sich ein Sportverein stärker für ältere Menschen öffnet – auch das ist Demenzprophylaxe. Oder dass Netzwerke erweitert werden, etwa indem Hörakustiker einbezogen werden.
Wichtig ist auch, die Angehörigen nicht zu vergessen: Viele sind rund um die Uhr eingebunden und leiden selbst unter Einsamkeit, körperlichen oder psychischen Problemen. Prävention bedeutet hier Entlastung – zum Beispiel durch Besuchsdienste oder Gesprächskreise. Das kostet nicht viel, wird oft gefördert und bringt große Wirkung.
