Bürgermeisterin Carolin Holzmüller (li.) und die Projektverantwortliche Katharina Linke stellen vor, was aus der Fläche werden kann – entscheiden darf die Nachbarschaft.
© Katja WörnerNabu

Artenvielfalt vor der Haustür

22. September 2025
Mit dem Projekt „Natur nah dran“ unterstützen das Umweltministerium Baden-Württemberg und der NABU Kommunen dabei, Grünflächen in artenreiche Lebensräume mit Wildpflanzen zu verwandeln. Städte und Gemeinden können sich noch bis zum 31. Dezember für die vorerst letzte Förderrunde bewerben. In seinem Gastbeitrag stellt der NABU Baden-Württemberg die Chancen des Programms vor.

Samstagmorgen, 10 Uhr, ein leichter Hauch von Thymian liegt über dem Gießenfeld in Efringen-Kirchen ganz im Süden Baden-Württembergs. Was jetzt Brache ist, verwandelt sich mit Duftpflanzen und Sitzgelegenheiten in einen Begegnungsort für die Nachbarschaft. Noch sieht es karg aus: schwarzer Kompost, Kies, Sand, einige Steinblöcke und Holzstämme. Der Werkhof von Efringen-Kirchen hat die Fläche vorbereitet, damit eine Pflanzaktion mit Bürgerinnen und Bürgern stattfinden kann.

In den nächsten Stunden werden hier rund 30 Teilnehmende 560 Wildstauden und 3.300 Blumenzwiebeln in die Erde bringen. Die Wildpflanzen brauchen den mageren Boden, Holzstämme dienen als Niststrukturen für Insekten. Wo bisher eine Rasenfläche mehrmals pro Jahr gemäht wurde, entsteht eine Begegnungsfläche mit hohem ökologischem Nutzen – und die Anwohnerinnen und Anwohner können nicht nur mitanpacken, sondern auch mitentscheiden, wie ein weiterer Teil der Fläche gestaltet werden soll.

Nur was man kennt, schätzt man

Efringen-Kirchen ist eine von über 120 Kommunen in Baden-Württemberg, die seit 2016 am Projekt „Natur nah dran“ teilgenommen haben. Die Kommunen erhalten Fördermittel in Höhe von bis zu 15.000 Euro, Schulungen für die kommunalen Mitarbeitenden sowie Begleitung bei der Öffentlichkeitsarbeit.

„Für uns war ‚Natur nah dran‘ erst der Auftakt: Wir gestalten jetzt nach und nach weitere Flächen im gesamten Gemeindegebiet um“, so Efringen-Kirchens Bürgermeisterin Carolin Holzmüller. „Dabei war es ganz wichtig, die Bevölkerung mitzunehmen. Denn wenn plötzlich Schotter ausgebracht wird, damit später die Wildpflanzen blühen, braucht das Erklärung. Unsere Mehrgenerationen-Pflanzaktion hat dabei geholfen.“

Pflanzaktionen sind jedoch kein Muss. Regelmäßig über das Projekt zu informieren, ist aber entscheidend dafür, dass die Flächen vor Ort akzeptiert werden. Der NABU unterstützt dafür die Kommunen mit Muster-Texten, Schildern und anderen Materialien. Efringen-Kirchen hat mithilfe der Förderung fünf Standorte angelegt und dabei tief in den Methodenkoffer der naturnahen Gestaltung gegriffen. So entstanden eine Trockenmauer, eine Begegnungsfläche, Blumenwiesen und eine Wildrosenhecke am Rande des Friedhofs.

Unterstützung erhielt die Kommune dabei auch von einem Naturgartenfachplaner, der sich auf Wildpflanzen spezialisiert hat. Die Kosten für die Planung wurden mit Projektmitteln gefördert.

Refugien in Städten und Dörfern

Bei „Natur nah dran“ gilt, dass jeder Quadratmeter für die Artenvielfalt zählt – kaum eine Fläche ist zu klein. Die Biomasse der Insekten ist seit 1990 um über 70 Prozent zurückgegangen. Hauptauslöser dafür ist, dass nicht mehr ausreichend Nahrungspflanzen und Nistmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Vor diesem Hintergrund werden Siedlungsbereiche immer wichtigere Refugien: Heimische Wildpflanzen statt saisonalem Wechselflor oder Vielschnittrasen schaffen ein Nahrungsangebot für Insekten. Und Vögel, Reptilien und Igel profitieren gleich mit.

Naturnah bepflanzt und richtig gepflegt, wird die Wiese im Stadtpark oder ein Kreisverkehr zu einer Verbindungsachse zwischen Lebensräumen. Diese „Trittsteine“ leisten einen Beitrag zur Fortführung des Biotopverbunds innerhalb der Städte und Dörfer.

Gewusst wie

Auch Schwendi in Oberschwaben hat am Projekt teilgenommen. „‚Natur nah dran‘ hat uns überzeugt. Flächen im Straßenbegleitgrün, die sonst schwierig zu pflegen sind, müssen wir jetzt nur noch einmal im Jahr mähen. Das entlastet unseren Bauhof enorm“, erklärt Hauptamtsleiter Martin Reiser. Außerdem bekam die Kommune ehrenamtliche Unterstützung: „Die Initiative ‚Blühendes Schwendi‘ hat uns beim Anlegen geholfen, als es viele Blumenzwiebeln zu stecken gab. Am wichtigsten war aber, dass sie das Projekt in die Bürgerschaft getragen hat. Ein Ehrenamtlicher war sogar bei den Projekt-Workshops dabei“, so Reiser.

Vorteile für die Kommunen

Die „Natur nah dran“-Kommunen sind ganz unterschiedlich. Viele von ihnen stehen aber vor ähnlichen Herausforderungen: Immer heißere und vor allem trockenere Sommer, die den Grünflächen zusetzen, und Bewässerung notwendig machen. Gleichzeitig haben viele Bauhöfe und Stadtgärtnereien Schwierigkeiten bei der Personalgewinnung. Nach den ersten Jahren reduziert sich bei naturnahen Flächen der Aufwand bei der Pflege. Denn sie müssen nur ein bis zwei Mal pro Jahr gemäht werden und brauchen keine Bewässerung. Das schont Personalkapazitäten, die kommunalen Finanzen und die Umwelt, die auf Wasserressourcen angewiesen ist.

Die Workshops sind ein zentraler Bestandteil von „Natur nah dran“. Denn mit Wildpflanzen zu arbeiten, ist auch für langjährige Gärtnerei- und Grünflächenmitarbeitende häufig neu. Bei drei Praxis-Terminen lernen die Teams aus den Kommunen die ökologischen Zusammenhänge hinter den insektenfreundlichen Flächen kennen und erfahren, wie die Flächen angelegt und gepflegt werden müssen. Mit diesem Wissen können sie nach der Projektlaufzeit weitere Flächen im Sinne der biologischen Vielfalt umgestalten.

Jetzt für „Natur nah dran“ bewerben!

  • Kommunen erhalten bis zu 15.000 Euro (bei 50 Prozent Eigenanteil) sowie Schulungen und fachliche Begleitung.
  • Die Bewerbungsfrist endet am 31. Dezember 2025.
  • Am 22. Oktober und 13. November 2025 finden digitale Sprechstunden mit Bewerbungstipps für Kommunen statt.
  • Alle Informationen: www.Naturnahdran.de