Wie Achtklässler die Kommunalpolitik entdecken
Während in Berlin die kleinste GroKo aller Zeiten um große Politik ringt – und dabei oft kleinliches Gezänk liefert –, bricht vielerorts das Fundament der Demokratie weg. Immer weniger Menschen wollen Bürgermeister werden. In Rheinland-Pfalz sind aktuell 53 Rathausspitzen unbesetzt, Thüringen will Gemeindefusionen per Gesetz vorantreiben. Das ist nicht nur ein strukturelles Problem, sondern ein Warnsignal: Wenn die Kommunalpolitik am Stock geht, leidet die ganze Demokratie. Die Frage ist also: Wie schaffen wir es, Menschen frühzeitig für das Mitgestalten vor Ort zu begeistern?
Eine Antwort darauf könnte vor Kurzem im Oberen Bregtal gegeben worden sein. Gleich zwei Projekte holten die Kommunalpolitik in die Lebenswelt von Jugendlichen – und machten aus Achtklässlern für einen Tag Bürgermeister, Gemeinderäte oder Geschäftsleute.
Politiktag im oberen Bregtal: Mitreden, Mitgestalten
Am 25. Juni nahmen Schülerinnen und Schüler aus Furtwangen, Gütenbach, Schönwald, St. Georgen und Vöhrenbach am Politiktag teil. In den Rathäusern ihrer Gemeinden erlebten sie hautnah, wie politische Entscheidungsprozesse ablaufen, diskutierten mit Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern über aktuelle Themen und stellten kritische Fragen. Ob es um die Zukunft der Ortsmitte, um neue Freizeitangebote oder um Klimaschutz vor Ort ging – die Jugendlichen bekamen die Chance, ihre Sicht einzubringen und zu erleben, dass ihre Meinung Gewicht hat.
Bürgermeister Josef Herdner aus Furtwangen begrüßte die Schülerinnen und Schüler persönlich im Festsaal des Rathauses. Schnell wurde klar: Politik ist kein fernes, graues Konstrukt, sondern passiert dort, wo man lebt – und lebt von Menschen, die sich einbringen.
Planspiel „Gemeinderat“: Demokratie zum Anfassen
Nur wenige Tage später verwandelte sich das Schulzentrum Oberes Elztal in einen politischen Experimentierraum. In Zusammenarbeit mit der Hochschule Kehl hatten Konrektor Patrick Hof, Schulsozialarbeiterin Marie Winterhalter und Lehrkräfte ein Planspiel organisiert, das den Alltag eines Gemeinderats simulierte.
Die achten Klassen wurden in Gruppen zu je zehn oder zwölf Personen aufgeteilt. Jede und jeder erhielt eine Rolle: Bürgermeisterin, Ladenbesitzer, Polizist, Elternteil, Gastronom. Mit diesen fiktiven Hintergründen gingen die Jugendlichen in Debatten zu regionalpolitischen Fragen – von der Ampelschaltung über den Bau eines Kreisverkehrs bis zur Umgehungsstraße. Zwei Regeln mussten sie dabei stets im Blick behalten: Die Finanzen mussten stimmen, und die Bürger sollten zufrieden leben können.
Besonders spannend wurde es, als während der Sitzung „Ereigniskarten“ ins Spiel kamen, die zum Beispiel unerwartete Kosten oder Bürgeranliegen auf den Tisch brachten. So wurde realistisch erfahrbar, dass Kommunalpolitik oft ein Ringen um Kompromisse ist – und dass man nie alle Interessen gleichzeitig bedienen kann. Unterstützung erhielten die Gruppen von erwachsenen Betreuern, die auf einen geordneten Ablauf achteten, ohne den Schülern ihre Entscheidungen abzunehmen.
Gegen Ende des Vormittags kamen die Bürgermeister von Elzach, Gutach, Simonswald und Biederbach an die Schule. Sie berichteten aus ihrem Alltag, gaben Tipps und zogen Parallelen zwischen den Debatten im Planspiel und echten Gemeinderatssitzungen. Die Botschaft: Demokratie lebt vom Mitmachen – und das beginnt vor der eigenen Haustür.
Warum das jetzt zählt
Solche Projekte sind mehr als nur nette Abwechslungen im Schulalltag. Sie sind Investitionen in das demokratische Kapital unserer Gesellschaft. In einer Zeit, in der immer weniger Menschen bereit sind, Verantwortung in der Kommunalpolitik zu übernehmen, braucht es genau diesen frühen Kontakt zu politischen Prozessen. Wer schon in jungen Jahren erlebt, dass seine Stimme zählt, dass Kompromisse Teil des Spiels sind und dass Politik Spaß machen kann, wird später eher bereit sein, sich selbst einzubringen – sei es im Gemeinderat, im Vereinsvorstand oder sogar im Bürgermeisteramt.
Denn eines ist klar: Ohne Menschen, die sich in den Rathäusern engagieren, verliert die Demokratie ihr Fundament. Und dieses Fundament lässt sich am besten stärken, indem man schon bei der nächsten Generation ansetzt. Die Jugendlichen im oberen Bregtal haben gezeigt, wie das aussehen kann: mit Neugier, Diskussionsfreude und dem Mut, Verantwortung zu übernehmen.
