Wenn die Krise in der Kommune ankommt
Die Gemeinde Loßburg im Landkreis Freudenstadt ist ein typisches Beispiel für die wirtschaftliche Stärke des Ländlichen Raums in Baden-Württemberg. Der Ort mit rund 7.800 Einwohnerinnen und Einwohnern liegt malerisch mitten im Schwarzwald. Am Ortsrand steht vor dieser schönen Kulisse aber auch ein riesiges modernes Fabrikgebäude aus Glas.
Unternehmen einer der größten Arbeitgeber der Region
Es ist der Firmensitz von ARBURG, einem weltweit führenden Hersteller von Spritzgussmaschinen, die etwa zur Produktion von Kunststoffteilen wie Zahnbürsten, Werkzeugen oder Fahrzeugkomponenten eingesetzt werden. Das Unternehmen gilt als Inbegriff des deutschen Mittelstands: Seit über 100 Jahren ist ARBURG in Loßburg ansässig und bis heute familiengeführt.
Das Unternehmen ist einer der größten Arbeitgeber der Region. Am Stammsitz arbeiten rund 3.000 Menschen, weltweit etwa 500 weitere. Wie viele Firmen leidet auch ARBURG aktuell unter der wirtschaftlichen Lage in Deutschland. Mit einer Exportquote von über 70 Prozent steht das Unternehmen im globalen Wettbewerb zunehmend unter Druck. Die Konkurrenz aus Asien hat aufgeholt und kann mit niedrigeren Preisen punkten.
Vor allem die steigenden Produktionskosten in Deutschland, insbesondere durch hohe Energiepreise, belasten das Unternehmen. 2024 verzeichnete die Firma einen Umsatzrückgang von rund 20 Prozent. In der Folge wurde Kurzarbeit eingeführt, in dem auf eine Vier-Tage-Woche umgestellt wurde. Ein Personalabbau wird mittlerweile nicht mehr ausgeschlossen. Gleichzeitig plant ARBURG, Produktionskapazitäten in Asien und Nordamerika auszubauen.
Die Gemeinde Loßburg und ihre Bürgerschaft blicken auf diese Lage mit Sorge. „Wenn man so einen Hidden Champion vor Ort hat, bedeutet das natürlich viel für eine Gemeinde wie unsere“, sagt Loßburgs Bürgermeister Christoph Enderle. ARBURG sichere zahlreiche Arbeitsplätze, oft über Generationen hinweg innerhalb derselben Familien. „ARBURG gehört einfach zu Loßburg“, betont er.
Die Gemeinde hat in den guten Jahren vorausschauend gehandelt
Die Gemeinde hat in der Vergangenheit stark vom Erfolg ARBURGs profitiert. So kann sich Loßburg trotz seiner Größe ein eigenes Hallenbad leisten. Auch touristisch hat man mit dem Naturerlebnispark „Zauberland“ am Kinzigsee ein attraktives Angebot geschaffen.
Besonders hebt Enderle das Engagement der Unternehmerfamilie Hehl hervor, die das Familienunternehmen ARBURG führt. „Sie ist im Ort stark verwurzelt und unterstützt sowohl Vereine als auch soziale Projekte“, sagt er. Ein Beispiel sei das großzügig ausgestattete Seniorenstift, das die Familie mitinitiiert habe. „Damit wollten sie langjährigen Beschäftigten ermöglichen, hier in Würde alt zu werden – und haben dafür erhebliche Stiftungsmittel eingebracht.“
Entsprechend groß ist nun die Unruhe angesichts der wirtschaftlichen Krise. „Es gibt bei uns ein geflügeltes Wort: ‚Wenn ARBURG hustet, hat die Gemeinde die Lungenentzündung.‘ Das zeigt, wie stark unser Wohl und Wehe an diesem Unternehmen hängt – nicht ausschließlich, aber in sehr hohem Maße“, so Enderle.

Die Gewerbesteuereinnahmen seien spürbar eingebrochen. „Für uns heißt das konkret: Zukunftsprojekte wie ein neues Baugebiet mussten wir vorerst auf Eis legen.“ Geplant war dort ursprünglich Geschosswohnungsbau mit bezahlbarem Wohnraum. „Stattdessen konzentrieren wir uns nun auf kleinere Maßnahmen im bestehenden Sanierungsgebiet.“
Zudem kämpft die Gemeinde wie viele andere mit einem erheblichen Sanierungsstau. „Ich würde gerne unser Hallenbad sanieren und hätte auch gerne eine Dreifeldhalle. Viele unserer Gebäude sind über 60 Jahre alt und deutlich in die Jahre gekommen“, zählt Enderle auf. Hinzu kommt ein hoher Aufwand bei der Infrastruktur: „Als Flächengemeinde mit rund 80 Quadratkilometern müssen wir enorme laufende Kosten stemmen.“
Doch Enderle betont zugleich, dass es um Loßburg auch deutlich schlimmer stehen könnte. Die Gemeinde habe in den guten Jahren vorausschauend gehandelt, um die Abhängigkeit vom Unternehmen nicht zu groß werden zu lassen. „Wir arbeiten kontinuierlich daran, unsere Wirtschaftsstruktur breiter aufzustellen. Mit einem zweiten Gewerbegebiet haben wir neue Impulse gesetzt.“ Dort ist inzwischen ein weiterer globaler Player ansässig: der Hersteller des international bekannten Schwarzwald-Gins Monkey 47.
Gerade in der Energiepreiskrise versucht die Gemeinde dennoch, die örtlichen Unternehmen bestmöglich zu unterstützen. Um den Ort unabhängiger von der geopolitischen Lage hinsichtlich der Energieversorgung zu machen, investierte Loßburg in den Ausbau erneuerbarer Energien. „Wir haben zum Beispiel schon vor fast zehn Jahren ein eigenes Nahwärmenetz aufgebaut – weg von fossilen Brennstoffen“, so Enderle. „Jetzt arbeiten wir daran, gemeinsam mit ARBURG überschüssige industrielle Abwärme in unser Netz einzuspeisen.“
Auch bei der Stromversorgung setzt Loßburg auf Eigenproduktion: „Alle kommunalen Gebäude werden nach und nach mit Photovoltaikanlagen ausgestattet – ergänzt durch Batteriespeicher.“ Eine ähnliche Strategie verfolgt auch ARBURG selbst. Das Unternehmen investiert in den Ausbau seiner Solarstrom- und Windenergieanlagen, um die Auswirkungen hoher Energiepreise abzufedern.
Mit ARBURG pflegt die Gemeinde einen engen und regelmäßigen Austausch. „Der Gemeinderat besichtigt in festen Abständen das Unternehmen, wir hören uns die Anliegen an – und wenn es irgendwo hakt, versuchen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten zu unterstützen“, erklärt Enderle.
"Ländlicher Raum bekommt trotz seiner wirtschaftlichen Bedeutung oft wenig zurück"
Gleichzeitig betont er, wie stark Kommunen auf übergeordnete Rahmenbedingungen angewiesen sind. „Man versucht, sich selbst aus schwierigen Lagen herauszuarbeiten – aber bei manchen Stellschrauben haben wir schlicht keinen Einfluss“, sagt er. Von Land und Bund wünscht sich Enderle mehr Unterstützung. In den Bereichen Kinderbetreuung, Mobilität und Ganztagsgrundschule würden zunehmend Aufgaben an die Kommunen delegiert, ohne einen finanziellen Ausgleich zu schaffen. Ein weiteres gravierendes Hemmnis sei die ausufernde Bürokratie. „Was bei uns – und auch bei ARBURG – die Wirtschaft drückt, sind etwa die ganzen Berichtspflichten“, sagt er. „Ständig braucht es neue Nachweise, neue Protokolle – es ist, als würde man uns mit Misstrauen begegnen. Da bleibt weniger Zeit für die eigentlich wichtigen Aufgaben.“
Als Beispiel aus seiner Gemeinde nennt er auch die langwierige Abwicklung einer Förderung im Bereich Klimaschutz. Die Gemeinde beantragte für den Nahwärmeausbau über die L-Bank 1,5 Millionen Euro eine Abschlagszahlung. „Wir mussten zwei Jahre auf eine Abschlagszahlung warten. Erst wurde geprüft, dann wechselte der Sachbearbeiter, dann mussten neue Unterlagen nachgereicht werden“, erzählt er frustriert. In der Zwischenzeit sei Loßburg mit über zwei Millionen Euro in Vorleistung gegangen. „Das tötet jede Initiative.“
Wie wenig der Ländliche Raum trotz seiner wirtschaftlichen Bedeutung oft zurückbekommt, zeigt sich für Enderle auch beim Thema Infrastruktur. So sollte in Loßburg ein multimodaler Knotenpunkt am Bahnhof entstehen, um die Anbindung an den Nahverkehr zu verbessern. Doch daraus wurde nichts: „Die Deutsche Bahn InfraGO sperrt uns nun den Bahnhalt für zwei Jahre, weil sie es nicht hinbekommen, eine Weiche zu installieren“, sagt er. Ein Rückschlag, der auch ARBURG betrifft: „Viele Mitarbeitende kommen bei ARBURG mit der Bahn. Klar gibt es jetzt Schienenersatzverkehr, aber wir wissen alle, was das bedeutet.“
Enderle weiß, wie sehr Loßburg von der Stärke der ARBURG profitiert. Umso wichtiger ist es ihm, dass auch die Gemeinde Verantwortung übernimmt und bei den jetzigen Problemen dort unterstützt, wo sie kann. Er hofft, dass er und die Kommunen allgemein künftig dafür mehr Rückenwind aus Stuttgart und Berlin bekommen, als es derzeit der Fall ist.
