Was die Immobilienbranche von der nächsten Landesregierung verlangt
Rund 200.000 Wohnungen fehlen laut einer aktuellen Untersuchung des Pestel-Instituts in Baden-Württemberg. Gleichzeitig sind Baukosten, Zinsen und Anforderungen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Förderprogramme sind häufig schnell ausgeschöpft, Genehmigungen ziehen sich über Monate oder Jahre. Vor diesem Hintergrund erhöht die Immobilienwirtschaft vor der Landtagswahl 2026 den Druck auf die Politik. Sie fordert einen klaren Kurswechsel – und mehr Pragmatismus.
Besonders offensiv positioniert sich die Immobilienwirtschaft Stuttgart (IWS). Unter dem Motto „Mehr Raum. Mehr Tempo. Mehr Zukunft.“ verlangt der Verband investitionsfreundlichere Rahmenbedingungen. Bauen sei in den vergangenen Jahren immer komplizierter, langsamer und teurer geworden. Veraltete Prozesse, überbordende Regelwerke und eine Verwaltung, die sich häufig absichere statt ermögliche, bremsten Projekte aus.
IWS: Südwest-Standard soll Besserung bringen
Die IWS fordert deshalb eine deutliche Absenkung technischer Vorgaben und Bau-Standards. Ein eigener „Südwest-Standard“ solle sich auf das baurechtlich Notwendige konzentrieren und kostentreibende Verschärfungen vermeiden. Gleichzeitig sollen Genehmigungsverfahren vollständig digitalisiert und transparenter gesteuert werden. Ein landesweites Dashboard könnte Verfahren in Echtzeit abbilden und Verzögerungen sichtbar machen. Typengenehmigungen für wiederkehrende Gebäudetypen sollen serielle Bauweisen beschleunigen.
Der Anspruch ist klar formuliert: Baugenehmigungen dürften nicht länger dauern als die Bauausführung selbst. Behörden sollten ihre Ermessensspielräume im Sinne der Bauvorhaben nutzen und Entscheidungen zügig treffen. Für Kommunen bedeutet das eine erhebliche organisatorische Herausforderung – und die Frage, wie viel Steuerung sie künftig noch ausüben können.
vbw: Land soll sich am sozialen Wohnbau beteiligen
Während die Investoren vor allem auf Tempo und Standards setzen, rückt der Verband baden-württembergischer Wohnungs- und Immobilienunternehmen (vbw) die Förderpolitik in den Mittelpunkt. Seine Mitgliedsunternehmen bewirtschaften mehrere Hunderttausend Wohnungen und sehen sich als Partner der Politik bei der Bereitstellung bezahlbaren Wohnraums. Doch der Bau neuer, preisgünstiger Wohnungen werde zunehmend unwirtschaftlich. Hohe Bau- und Grundstückskosten, steigende Zinsen und ambitionierte energetische Anforderungen führten dazu, dass die zulässigen Mieten im geförderten Wohnungsbau die tatsächlichen Kosten kaum noch deckten.
Der vbw fordert daher eine stärkere finanzielle Beteiligung des Landes am sozialen Wohnungsbau und eine bessere Abstimmung der Programme. Fördermittel müssten verlässlich, ausreichend und schnell verfügbar sein. Ergänzend zur klassischen Objektförderung spricht sich der Verband für einkommensabhängige Subjektförderungen aus, um zielgenauer zu unterstützen. Auch die energetischen Anforderungen sollten stärker auf Wirtschaftlichkeit und tatsächliche Emissionsminderungen ausgerichtet werden.
Bauwirtschaft BW fordert weitere Reformen
Die Bauwirtschaft Baden-Württemberg setzt einen weiteren Schwerpunkt. Sie begrüßt Reformen der Landesbauordnung, mahnt jedoch eine konsequente Umsetzung an. Genehmigungsfiktionen und Typengenehmigungen dürften nicht durch restriktive Auslegung unterlaufen werden. Zudem sieht die Branche Reformbedarf bei den Baurechtsbehörden. Klare Zuständigkeiten, feste Ansprechpartner und verbindliche Fristen könnten Verfahren spürbar beschleunigen.
Eine andere Perspektive bringt Haus & Grund Württemberg ein. Der Verband betont die Rolle privater Eigentümer als tragende Säule des Wohnungsmarkts. Ohne Vermieter, Selbstnutzer und Wohnungseigentümer funktioniere das System nicht. Gefordert werde eine Politik, die Eigentum respektiere und Investitionen ermögliche, statt neue Eingriffe und Belastungen zu schaffen. Kritisch sieht der Verband unter anderem die Ausgestaltung der Grundsteuer sowie Eingriffe im Mietrecht. Auch kommunale Instrumente wie Milieuschutzsatzungen oder Zweckentfremdungsverbote werden aufmerksam beobachtet.
Über den Wohnungsbau hinaus adressiert die Immobilienwirtschaft Stuttgart auch Fragen der Flächen- und Standortpolitik. Leerstehende Gewerbe- und Büroflächen sollen leichter in Wohnraum umgewandelt werden können. Gleichartige Nutzungen im Bestand sollten möglichst unbürokratisch genehmigt werden. Innenstädte bräuchten mehr Flexibilität für temporäre Nutzungen und neue Konzepte. Zudem fordert die Branche Investitionen in Energie- und Digitalinfrastruktur sowie eine aktivere Ansiedlungspolitik.
Branche fordert verlässliche Rahmenbedingungen
So unterschiedlich die Akzente sind, in einem Punkt herrscht Einigkeit: Die Branche verlangt verlässliche und praktikable Rahmenbedingungen. Förderprogramme dürften nicht abrupt gestoppt, Standards nicht ständig verschärft und Verfahren nicht beliebig verlängert werden. Planungssicherheit gilt als zentrale Voraussetzung für Investitionen in Wohnraum, Gewerbeflächen und Infrastruktur.
Für die nächste Landesregierung bedeutet das einen Balanceakt. Sie muss schnelleres Bauen ermöglichen, ohne Umwelt- und Sozialstandards preiszugeben. Sie muss Eigentum schützen und zugleich Mieterinteressen berücksichtigen. Und sie muss Entlastungen prüfen, ohne die finanziellen Spielräume von Land und Kommunen zu überdehnen.
Die Immobilienwirtschaft hat ihre Erwartungen deutlich formuliert. Ob und wie die Politik darauf reagiert, wird nicht nur den Wahlkampf prägen – sondern die Bau- und Stadtentwicklung im Land für Jahre beeinflussen.
