Was Bürgerbusse wirklich leisten – und wo ihre Grenzen liegen
Die neue „Evaluation der Gemeinschaftsverkehre“ des Instituts Schreier zeigt, wie groß die Bedeutung von Bürgerbussen heute ist. 648 Aktive und 519 Fahrgäste haben an der Befragung teilgenommen, ergänzt durch Fallstudien in Aulendorf, Bammental, Efringen-Kirchen, Salem, Botnang und weiteren Orten.
Die Ausgangslage ist vielerorts ähnlich: Die regulären Busse fahren selten, sind auf Schülerverkehre ausgerichtet, die Haltestellen liegen zu weit entfernt und die Fahrzeuge sind häufig nicht barrierefrei. Ein Hauptverantwortlicher bringt es auf den Punkt:
„Der Linienbus fuhr nur zweimal am Tag alle Ortschaften an. Ein großer Bus mit hohem Einstieg – für alte Leute nicht machbar. Sie schaffen manchmal die 200 Meter zur Haltestelle nicht. Deswegen dieser Gemeinschaftsverkehr: Der schließt echt eine Lücke.“
Für viele Kommunen ist klar: Zusätzlichen ÖPNV können sie finanziell nicht stemmen. Gleichzeitig ist die Topografie für Rad- und Fußverkehr oft ungünstig. Bürgerbusse sind deshalb dort möglich, wo alles andere nicht mehr funktioniert – und wo eine Versorgungslücke konkret spürbar ist.
Wer fährt eigentlich mit? Ein Blick in die Nutzerdaten
Die Evaluation zeigt ein sehr klares Bild:
-
56 Prozent der Fahrgäste sind 76 Jahre oder älter.
-
22 Prozent gehören zur Gruppe der 66–75-Jährigen.
-
Nur 21 Prozent sind jünger als 65.
Drei Viertel der Fahrgäste nutzen den Bürgerbus mindestens einmal pro Woche, 57 Prozent davon ein bis drei Mal pro Woche.
Die wichtigsten Wegeziele zeigen, wie alltagsrelevant die Angebote sind:
-
79 Prozent: Einkäufe
-
63 Prozent: Arztbesuche
-
54 Prozent: Apotheke
-
50 Prozent: Bank- und Behördengänge
-
38 Prozent: Physiotherapie oder Fußpflege
Die Fahrten dienen nicht nur funktionalen Zwecken. Viele nutzen den Bürgerbus auch, um soziale Kontakte zu pflegen.
Was wäre ohne Bürgerbus? Die Antworten sind deutlich
Auf die Frage „Welche Auswirkungen hätte es für Sie persönlich, wenn es dieses Angebot nicht gäbe?“ antworteten die Fahrgäste:
-
69 Prozent müssten auf ein anderes Verkehrsmittel umsteigen – häufig ein unsicheres eigenes Auto.
-
61 Prozent hätten größere Mühe, alltägliche Wege zu bewältigen.
-
55 Prozent würden „die Gespräche mit anderen“ vermissen.
-
52 Prozent wären stärker auf Angehörige angewiesen.
-
32 Prozent müssten auf Aktivitäten verzichten.
Gerade ältere Menschen würden sonst oft länger selbst fahren – obwohl viele sich im Verkehr unsicher fühlen. In den Interviews schilderten Angehörige, wie der Bürgerbus den Umstieg vom Auto erleichtert:
„Wir haben gesagt: Du könntest zwar noch Auto fahren, aber probier doch mal den Bürgerbus. Sie hatte eine Alternative – und konnte loslassen.“
Mehr Sicherheit im Alltag
Viele Fahrgäste empfinden den regulären Busverkehr nicht als sicher. Gründe sind unter anderem:
-
hohe Einstiege
-
fehlende Barrierefreiheit
-
Bus fährt an, bevor man sitzt
-
Sturzgefahr
-
schwierige Fußwege
-
Unsicherheit beim Überqueren von Straßen
Der Bürgerbus dagegen holt die Menschen an der Haustür ab, hilft beim Ein- und Aussteigen, trägt Einkaufstaschen und passt sich dem Tempo älterer Fahrgäste an.
Ein Fahrgast sagt:
„Der Fahrer, den man kennt, der hilft und die Tasche reinträgt – das ist zwischenmenschlich eine ganz andere Geschichte.“
Für viele Kommunen wird so nicht nur Mobilität, sondern auch ein Stück Sicherheit möglich.
Ehrenamt als Motor – und als Risiko
Die Evaluation zeigt auch: Bürgerbusse funktionieren nur, wenn das Ehrenamt stark bleibt.
-
79 Prozent der Engagierten sagen, es sei ihnen „sehr wichtig“, das Angebot zu erhalten.
-
73 Prozent möchten Menschen in ihrer Gemeinde unterstützen.
-
65 Prozent wollen zur Lebensqualität im Ort beitragen.
Viele sprechen von einer „emotionalen Dividende“ – Dankbarkeit, Begegnungen, Wertschätzung durch die Fahrgäste und die Kommune.
Aber es gibt Herausforderungen:
Ein Drittel der Ehrenamtlichen ist unsicher, ob in drei Jahren noch genug Fahrerinnen und Fahrer da sein werden. Eine alternde Engagement-Struktur und zunehmende Bürokratie machen vielen Teams zu schaffen.
VCD: Bürgerbusse kein Ausgleich für strukturschwachen ÖPNV
Der Ökologische Verkehrsclub Deutschland (VCD) begrüßt die Bürgerbusse ausdrücklich, warnt aber: Wenn Kommunen wegen Haushaltskürzungen sparen müssen, könnten gerade diese Angebote als freiwillige Leistungen gefährdet sein. „Bürgerbusse können die strukturellen Schwächen des ÖPNV nicht ausgleichen“, so eine Sprecherin gegenüber die:gemeinde. Sorgen bereiteten dem VCD die drohenden Haushaltsengpässe der Kommunen. Bürgerbusse seien für Gemeinden eine freiwillige Aufgabe. „Wenn finanzielle Mittel knapp werden, besteht die Gefahr, dass gerade diese wichtigen lokalen Mobilitätsangebote auf der Strecke bleiben. Damit dies nicht geschieht, brauchen Landkreise und Kommunen ausreichend verlässliche Mittel, um Busverkehr und ergänzende Mobilitätsangebote planen, bestellen und dauerhaft sichern zu können“, so die Sprecherin weiter.
ADAC: Kein Ersatz für regulären ÖPNV
Der ADAC Württemberg betont die Bedeutung im ländlichen Raum: Bürgerbusse seien oft die einzige Möglichkeit, ohne Auto mobil zu bleiben. „Besonders im ländlichen Raum sind Bürgerbusse oft die einzige Möglichkeit, ohne Pkw zum Arzt, zur Apotheke, zum Rathaus oder zur nächsten Einkaufsmöglichkeit zu kommen. Entsprechend nutzen vornehmlich ältere Menschen dieses Mobilitätsangebot. Nicht zu unterschätzen ist auch der soziale Austausch und die Kommunikation der Mitfahrenden untereinander. Aus den genannten Gründen bewertet der ADAC Württemberg den Bürgerbus sehr positiv“, sagt Holger Bach, Abteilungsleiter Verkehr & Umwelt beim ADAC.
Gleichzeitig warnt der Verband: Der reguläre ÖPNV dürfe nicht zurückgebaut werden, nur weil Bürgerbusse fahren. Diese seien noch immer ein „Nischenprodukt“, da erst 66 Angebote existieren – bei hoher Bürokratie, so Holger Bach. „Die Aufgabenträger im ÖPNV dürfen nicht aus der Pflicht genommen werden, nur weil ein Bürgerbus fährt. Die Schulbusverkehre sowie die Anbindung an das Oberzentrum einer Region muss durch den bestellten ÖPNV gesichert sein. Der Wandel zur nachhaltigen Mobilität basiert auf einem starken ÖPNV-Angebot, das zum Umsteigen in den Bus oder die Bahn einlädt. Der Bürgerbus ist hierzu keine Alternative.“
Mit Sorge betrachte man die Pläne einiger Kommunen, Haushaltsdefizite zu verringern, indem sie ÖPNV-Angebote streichen. „Für den ADAC Württemberg ist das der falsche Weg, denn wir fordern eine ausreichende Finanzierung des existierenden ÖPNV-Angebots. Vielmehr sollte der Ausbau vorangetrieben werden, etwa mit den Finanzmitteln aus dem Sondervermögen des Bundes, dass den Kommunen dafür zweckgebunden zur Verfügung gestellt werden muss.“
Unverzichtbar, aber nicht unendlich belastbar
Die Evaluation macht klar: Bürgerbusse sind für viele ältere Menschen im Land ein Rettungsanker. Sie sichern Eigenständigkeit, soziale Teilhabe und alltägliche Versorgung. Und sie sind ein beeindruckendes Beispiel für gelebte Gemeindekultur. Genauso deutlich zeigt die Studie aber auch die Grenzen: Bürgerbusse können nicht ersetzen, was im regulären ÖPNV fehlt. Und sie sind nur so stabil, wie das Ehrenamt vor Ort. Für die kommenden Jahre bedeutet das: Wenn das Modell weiter funktionieren soll, brauchen Kommunen Unterstützung – finanziell, organisatorisch und politisch. Denn ohne eine starke Grundlage kann auch das engagierteste Ehrenamt die Mobilität im Ländlichen Raum nicht allein tragen.
