Wärmewende im Schulterschluss
Der Landkreis Lörrach war bundesweit der erste, der sich an eine flächendeckende Wärmeplanung für alle 35 Städte und Gemeinden wagte. Drei große Kreisstädte waren damals bereits durch Landesrecht zur Wärmeplanung verpflichtet. Der Landkreis entschied sich, auch die übrigen 32 Kommunen mit ins Boot zu holen – und erhielt vom Bund den Zuschlag für ein Pilotprojekt mit Vollfinanzierung.
„Damals konnte niemand ahnen, dass ein paar Jahre später ohnehin alle Kommunen verpflichtet würden. Heute sind insbesondere die kleinen Gemeinden in unserem Landkreis schon viel weiter als andere“, sagt Inga Nietz, Leiterin der Stabsstelle Klimaschutz im Landratsamt Lörrach, im Gespräch mit die:gemeinde. Sie hat das Projekt federführend betreut – mit viel organisatorischem Aufwand, aber auch mit spürbarem Rückenwind: „Nach Abschluss der Planung haben alle 35 die Wärmewendestrategie unterschrieben.“
Auch Kommunen mit eigener Wärmestrategie profitierten von der kreisweiten Planung. So hatte Hausen im Wiesental bereits eine Holzpelletsheizung samt kleinem Nahwärmenetz installiert, bevor das Projekt startete. Dennoch beteiligte sich die Gemeinde aktiv. „Im Planungskonvoi ist der Zugang zu den wichtigsten Zutaten einer erfolgreichen Wärmewende einfacher: gute Planung, kompetente Partner und die Motivation, das Projekt umzusetzen“, so der damalige Bürgermeister Martin Bühler.

Datengrundlage: ein Kraftakt
Das Herzstück der Wärmeplanung ist die Datengrundlage – und deren Erhebung war eine Herausforderung. Als das Projekt startete, war die Pflicht zur Datenweitergabe durch Schornsteinfeger noch nicht gesetzlich geregelt. Entsprechend lückenhaft fiel diese Quelle aus. „Wir waren einfach zu früh dran“, sagt Inga Nietz. „Deshalb mussten viele Heizungsdaten interpoliert werden – also auf Basis von Gebäudealtersklassen schätzen, welche Heizsysteme wahrscheinlich eingebaut sind.“
Auch Industrie und Kommunen wurden um Angaben gebeten – etwa zum Brennstoffverbrauch oder zur Abwärme. Dazu entwickelte der Landkreis digitale Fragebögen, versandte persönliche Anschreiben und übermittelte sie über ein Onlineportal. Die Rückmeldequote war hoch, allerdings waren viele Aussagen mit Unsicherheiten verbunden: Während viele Unternehmen grundsätzlich Bereitschaft zur Abwärmeabgabe signalisierten, waren sie mit der Benennung der tatsächlichen Abwärmemenge überfordert. Die Kommunen dagegen lieferten ihre Daten vollständig, auch weil der Kreis ihnen eine Aufwandsentschädigung zahlte.
Ein Projekt – drei Dienstleister
Getragen wurde das Projekt von einem Dreierkonsortium: Eine Firma war für das Datenmanagement, das Hosting und die Visualisierung zuständig. Eine andere verantwortete als Ingenieurdienstleister die energetischen Berechnungen – etwa zur Wärmedichte oder zu Potenzialflächen. Um Workshops, Moderation und Kommunikation kümmerte sich eine Agentur. Die Projektleitung und Koordination lag beim Landkreis selbst.
Diese Aufgabenteilung habe sich laut Nietz bewährt: „Es braucht unbedingt externe Unterstützung für das Datenmanagement und für die Kommunikation. Die Abstimmung mit 35 Kommunen, Energieversorgern, Handwerk, Verwaltung und Politik ist ohne erfahrene Moderation kaum zu stemmen.“ Alle wichtigsten Ergebnisse wie zum Beispiel Wärmedichte und Eignungsgebiete sind im Geoportal des Landkreises öffentlich einsehbar.
Interkommunale Wärmeplanung: Von der Planung zur Umsetzung
Nach der offiziellen Prüfung durch das Regierungspräsidium Freiburg und dem Einholen aller Gemeinderatsbeschlüsse gilt die Wärmeplanung nun als formal abgeschlossen. Die Umsetzungsphase startete allerdings bereits direkt nach Abschluss im Jahr 2022. Gemeinsam mit den 35 Kommunen wurde eine Wärmewendestrategie mit sieben Schwerpunkten entwickelt – darunter beispielsweise der Ausbau von Wärmenetzen, die Nutzung von Tiefengeothermie und begleitende Öffentlichkeitsarbeit.

Wichtige Projekte wurden bereits angestoßen: So prüft der Kreis derzeit, ob Abwärme aus den Industrieunternehmen am Hochrhein auch anderen Gemeinden zur Verfügung gestellt werden kann. Parallel untersucht ein Energieversorger das tiefengeothermische Potenzial der Region. Zentrale Rolle spielt auch die Energieagentur Südwest, die gemeinsam mit dem Landkreis Kampagnen für Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und Kommunen durchführt.
Breite Beteiligung, starkes Netzwerk
Ein zentrales Erfolgsrezept der interkommunalen Wärmeplanung im Landkreis Lörrach war die breite Beteiligung aller relevanten Akteure. Von Beginn an arbeitete ein Steuerungskreis mit Vertreterinnen und Vertretern aus Verwaltung, Energieversorgern, Handwerk, Wirtschaft, Regionalverband und weiteren Bereichen zusammen. Nach Projektabschluss wurde daraus der „Steuerungskreis Wärmewende“, der bis heute regelmäßig tagt.
Gerade dem Handwerk kommt dabei eine Schlüsselrolle zu: „Sie gehen in die Häuser, beraten zu Heizungssystemen, und sind oft die ersten Ansprechpersonen vor einer Investition“, betont Inga Nietz. „Wenn ein Handwerksbetrieb sagt, dass eine Wärmepumpe auch im Altbau funktioniert, hat das mehr Gewicht als jede Plakatkampagne.“ Der Landkreis sucht deshalb gezielt den Austausch mit den Handwerksinnungen.
Ein oft unterschätzter Erfolgsfaktor war die kommunikative Begleitung des Projekts. Der Landkreis holte sich während der Projektlaufzeit professionelle Unterstützung – unter anderem bei der Planung und Moderation von Workshops. Aber auch die Stabsstelle Klimaschutz übernimmt viel Aufklärungs- und Unterstützungsarbeit, zum Beispiel in Gemeinderatsitzungen oder auch bei Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern.
Was andere lernen können
Seit dem erfolgreichen Projektstart wurde Inga Nietz mehrfach als Expertin eingeladen – unter anderem nach Berlin. Viele Landkreise bundesweit hätten nach Tipps gefragt, wie man Konvois richtig gestaltet, welche Akteure eingebunden werden sollten, wie die Ausschreibung erfolgt oder wie die Datenlage zu verbessern sei. Ein wichtiger Hinweis aus Lörrach: Bei der Planung von Konvois ist zu überlegen, ob man ländliche Gemeinden getrennt von denen im urbanen Raum beplant. „Sie haben oft sehr unterschiedliche Anforderungen und Potenziale“, so Nietz.
Ihr Resümee: „Wir waren Vorreiter, ja. Aber der eigentliche Erfolg ist, dass wir einen breiten Konsens und ein funktionierendes Netzwerk geschaffen haben. Jetzt geht’s an die Umsetzung – und dafür sind wir gut aufgestellt.“
