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Vertrauen im Sinkflug: Bürger fordern digitalen Staat und besseren Schutz für Beschäftigte

Das Vertrauen in den Staat schwindet weiter: Nur noch 23 Prozent der Bürgerinnen und Bürger trauen ihm zu, seine Aufgaben zu bewältigen. Besonders kritisiert werden Asyl- und Flüchtlingspolitik, soziale Sicherungssysteme, Bildung und Finanzen. Parallel wachsen die Erwartungen an einen schnelleren, digitaleren und bürgernäheren Staat.

Die diesjährige Bürgerbefragung des dbb beamtenbund und tarifunion fällt ernüchternd aus. 73 Prozent der Deutschen sehen den Staat angesichts der Vielzahl seiner Aufgaben als überfordert, nur 23 Prozent halten ihn für handlungsfähig – ein erneuter Tiefpunkt nach dem Vertrauenshoch zu Beginn der Corona-Pandemie. Als Problemfelder nennen die Befragten besonders die Asyl- und Flüchtlingspolitik (30 Prozent), soziale Sicherungssysteme und Rente (16 Prozent), Schul- und Bildungspolitik (15 Prozent), Steuer- und Finanzpolitik (13 Prozent) sowie innere Sicherheit (12 Prozent).

Auch an die neue Bundesregierung aus Union und SPD knüpfen die Bürger nur geringe Erwartungen: 70 Prozent glauben nicht, dass sich die Leistungsfähigkeit des Staates verbessert. Dabei sehen die Befragten Handlungsbedarf auf allen Ebenen – Kommune, Land und Bund gleichermaßen.

Bürokratieabbau und Digitalisierung als Schlüssel

Die Bürgerinnen und Bürger formulieren klare Vorstellungen, wie Verwaltung besser werden könnte: 85 Prozent fordern weniger Vorschriften, 79 Prozent schnellere Bearbeitungszeiten. Zwei Drittel wünschen sich mehr Online-Dienstleistungen, 58 Prozent eine klarere Zuständigkeitsregelung zwischen Behörden. Zwar haben 42 Prozent bereits gute Erfahrungen mit digitalen Verwaltungsdiensten gemacht – insbesondere bei Kfz-Zulassung, Ausweisdokumenten oder kommunalen Terminvereinbarungen –, doch 30 Prozent berichten von negativen Erfahrungen.

Kostenwahrnehmung und Ansehensverlust

Erstmals seit Beginn der Befragungen sieht eine Mehrheit von 50 Prozent den öffentlichen Dienst als zu teuer an – ein Plus von sieben Prozentpunkten im Vergleich zu 2024. Auch das Ansehen klassisch angesehener Berufsgruppen im öffentlichen Dienst sinkt leicht: Feuerwehrleute (92 Prozent hohes Ansehen), Pflegekräfte (89 Prozent) und Polizisten (79 Prozent) liegen zwar weiter vorn, mussten aber Verluste hinnehmen. Beamte genießen bei 35 Prozent hohes Ansehen, Journalisten bei nur noch 29 Prozent.

Gewalt gegen Beschäftigte nimmt zu

Besonders alarmierend sind die Ergebnisse zur Gewalt gegen Beschäftigte. 30 Prozent der Bürger haben bereits beobachtet, wie Beschäftigte beleidigt, behindert oder angegriffen wurden – am häufigsten Polizisten (60 Prozent), Rettungskräfte (56 Prozent) und Fahrerinnen und Fahrer im ÖPNV (43 Prozent). Die Hälfte aller Beschäftigten im öffentlichen Dienst war selbst schon betroffen. Neben verbalen Übergriffen wie Beleidigungen (82 Prozent) und Anschreien (73 Prozent) kommt es auch zu körperlicher Gewalt: 18 Prozent berichten, geschlagen worden zu sein, 17 Prozent von Bespuckungen.

Viele Beschäftigte fordern mehr Schutz: 54 Prozent wünschen härtere Strafen für Täter, 42 Prozent Deeskalationstrainings und Selbstverteidigungskurse. Zwar fühlen sich drei Viertel im Alltag grundsätzlich sicher, doch jeder Fünfte empfindet seine Arbeit als eher unsicher.

Appell des dbb-Chefs

Der dbb-Bundesvorsitzende Volker Geyer forderte bei der Vorstellung der Ergebnisse am 3. September entschlossenes Handeln: „Union und SPD müssen jetzt geschlossen auftreten und abliefern. Wenn davon wieder nichts im Alltag der Menschen ankommt, folgt auf den ungebremsten Sinkflug des Vertrauens ein harter Aufprall.“ Neben Strukturreformen und einem Schub für das neue Digitalministerium plädierte er für einen stärkeren Schutz der Beschäftigten: Prävention, konsequente Strafverfolgung und klare Unterstützung für Betroffene.

Damit machen die Zahlen deutlich: Der Staat steht vor einer doppelten Herausforderung – er muss das Vertrauen der Bürger zurückgewinnen, indem er digitaler und effizienter wird, und zugleich seine Beschäftigten konsequent vor Gewalt schützen.