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Polarisierung und Radikalisierung?

15. September 2025
Bei der Bundestagswahl 2025 verdoppelte die Alternative für Deutschland (AfD) ihr Ergebnis – auch in Baden-Württemberg legte sie flächendeckend zu. Doch was bewegt ein Fünftel der Wählerinnen und Wähler im Land dazu, eine vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Partei zu wählen? Und warum zeigt sich der Rechtsruck besonders deutlich im Ländlichen Raum? Unter Gastautor Rolf Frankenberger hat diese Fragen erforscht und erklärt, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen.

Die gute Nachricht zuerst: Wahlen als zentrale Institution der repräsentativen Demokratie werden von den Bürgerinnen und Bürgern rege genutzt, um ihre politischen Interessen durchzusetzen. Mit 83,5 Prozent war die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2025 so hoch wie seit 1990 nicht mehr. Und auch in Baden-Württemberg lag sie mit 83,4 Prozent auf historisch hohem Niveau. Die fünf demokratischen Parteien, allen voran die CDU mit 31,6 Prozent gefolgt von SPD (14,2 Prozent), Grünen (13,6 Prozent), der Linken (6,8 Prozent) und der FDP (5,6 Prozent) konnten mit 71,8 Prozent fast drei Viertel der Stimmen im Ländle auf sich vereinigen.

AfD-Erfolge trotz hoher Wahlbeteiligung

Aber: Die eigentliche Gewinnerin der Bundestagswahl ist die extrem rechte, in weiten Teilen offen völkisch-nationalistische, fremdenfeindliche und vom Bundesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei AfD. Sie konnte ihr Ergebnis bundesweit von 10,3 in 2021 auf 20,8 Prozent im laufenden Jahr verdoppeln. In Baden-Württemberg legte sie um 10,2 Prozent zu und blieb mit 19,8 Prozent der Zweitstimmen nur leicht unter dem Bundesdurchschnitt.

Flächendeckend in allen 1.101 Gemeinden erzielte die AfD Zugewinne bei den Erst- wie auch den Zweitstimmen. Die Zweitstimmenanteile konnte sie dabei fast überall verdoppeln, allerdings kein Direktmandat erringen, obwohl sie zumindest in Pforzheim darauf abgezielt hatte. Mit diesem Wahlverhalten und den daraus hervorgehenden Ergebnissen wurde die Verbreitung rechter Wertvorstellungen aktiv normalisiert – von immerhin einem Fünftel der Wählerinnen und Wähler.

In ländlichen Regionen erzielte die AfD überdurchschnittliche Zugewinne – in städtischen Gebieten blieb das Wahlverhalten vergleichsweise konstant.
In ländlichen Regionen erzielte die AfD überdurchschnittliche Zugewinne – in städtischen Gebieten blieb das Wahlverhalten vergleichsweise konstant.

Allerdings zeigen sich über das Ländle hinweg ungleichmäßige Verteilungsmuster. In unseren Untersuchungen zeigen sich wie schon bei den Wahlen zum Europäischen Parlament 2024, den Bundestagswahlen 2021 und den Landtagswahlen 2021 deutliche räumliche Muster, die sich jedoch erneut gravierend verschärft haben: Die eher ruralen Gebiete rücken nach rechts, die urbanen Zentren bleiben weitgehend resilient.

Zieht man in einer multiplen Regressionsanalyse Strukturdaten zur Erklärung der Ergebnisse heran, so zeigt sich, dass sowohl Siedlungsstruktur als auch zentrale Variablen der Soziodemographie, Wirtschaft und Infrastruktur signifikant zur Erklärung des AfD-Wahlergebnisses beitragen und immerhin 27,5 Prozent der Varianz aufklären: Je höher jeweils die Einwohnerinnen- und Einwohnerdichte, der Anteil der über 65-Jährigen, der Anteil der Mitglieder der römisch-katholischen Religionsgemeinschaft und die Kaufkraft, desto niedriger ist das AfD-Wahlergebnis.

Warum ländliche Räume besonders anfällig sind

Die Variable Kaufkraft sowie die in der Analyse nicht signifikanten Variablen Anteil an Ausländerinnen und Ausländer, Steuerkraft und ÖPNV-Dichte lassen sich als direkte oder indirekte Effekte der Siedlungsstruktur interpretieren: Je urbaner die Kommune, desto schwächer die AfD. Dieser Befund wird auch durch eine separate Analyse der Nahversorgung unterstützt. Wird diese in einer eigenen Regressionsanalyse untersucht, ist deren Erklärungskraft signifikant und bleibt dies auch bei der Verwendung von Kontrollvariablen. Je besser die Nahversorgung, desto niedriger die AfD-Ergebnisse.

Der Anteil an Menschen katholischen Glaubens hingegen verweist auf eine starke Wertebindung, ist in bestimmten Regionen höher und zahlt dort auch auf die Resilienz ländlicher Räume ein, etwa in Südbaden und Teilen Oberschwabens. Jeweils positiv auf das AfD-Wahlergebnis wirken sich der Männeranteil, der Anteil Arbeitsloser, die Distanz zu Bahnhöfen und ÖPNV-Haltestellen aus. Je höher diese sind, desto höher der AfD-Anteil. Dies sind Hinweise darauf, dass die entsprechenden Kommunen zumindest in der Wahrnehmung der Menschen sozial wie ökonomisch von der Modernisierung abgehängt sind. Hinzu kommen persönlichkeitspsychologische und soziologische Faktoren in Hinblick auf den Männeranteil, wie etwa die Sozialisation.

Diese Befunde verweisen umso mehr auf Faktoren, die auf der Einstellungs- und Meinungsebene liegen und die den objektiven Gegebenheiten womöglich zuwiderlaufen. Insbesondere dürfte dies für eine gefühlte ökonomische Deprivation sowie Abstiegsängste gelten. Betrachtet man zudem die regionalen Muster der AfD-Ergebnisse, verfestigt sich der Eindruck, dass hier auch sozialisatorische Effekte der Weitergabe sowie der Normalisierung rechtsextremer Ideologeme und mithin die regionale und lokale politische Kultur von besonderer Bedeutung sind.

Gerade auf lokaler Ebene ist zudem besonders bedenklich, dass die AfD in vielen Kommunen sowohl bei der Erst- als auch der Zweitstimme ähnlich erfolgreich war. Die geringe Differenz zwischen den Anteilen deutet auf ideologisch gefestigte Wahlmotive hin: Wer einer Partei ideologisch gefestigt nahesteht, wird ihr beide Stimmen geben. Die AfD scheint sich also nicht nur als extrem rechte Partei etabliert zu haben, sondern auch ihr Personal vor Ort wird als wählbar und aussichtsreich wahrgenommen.

Diese Entwicklungen stellen eine ernstzunehmende Herausforderung für die politische Kultur und die Demokratie in Baden-Württemberg dar. Gerade vor dem Hintergrund der im März 2026 anstehenden Landtagswahlen sind alle demokratischen Kräfte und Parteien aufgefordert, aktiv, gemeinsam und überparteilich für Demokratie und Menschenrechte einzutreten.

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Den kompletten IRex-Bericht „Rolf Frankenberger, Tim Fröhlich, Cornelius Klodt und Bjarne Pfau (2025): Ein Blick zurück. Die AfD bei den Bundestagswahlen 2021“ lesen Sie Online unter https://is.gd/oIjBkz

Autoreninformation

Rolf Frankenberger
Rolf Frankenberger ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für Rechtsextremismusforschung (IRex) der Universität Tübingen. Der Politikwissenschaftler forscht zu extrem rechten Ideologien, Lebenswelten und dem Zusammenhang von Rechtsextremismus und Raum.