„Personal sparen geht an die Substanz“
In Reutlingen zeigt sich exemplarisch, wie sehr sich die finanzielle Lage der Kommunen zugespitzt hat. Die Stadt ist kein Sonderfall, sondern Abbild einer Entwicklung, die Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg wie im gesamten Bundesgebiet gleichermaßen erfasst: steigende Ausgaben, wegbrechende Einnahmen und schwindende Gestaltungsspielräume. Was lange durch Rücklagen abgefedert werden konnte, ist inzwischen zu einer strukturellen Krise eskaliert. Kommunen geraten zunehmend in eine Rolle, in der sie nicht mehr gestalten, sondern nur noch reagieren können und das sehr eingeschränkt.
Dauerhafte Schieflage
Was diese Entwicklung konkret bedeutet, zeigt sich am Beispiel unserer Stadt. Reutlingen zählt rund 117.000 Einwohnerinnen und Einwohner und ist Oberzentrum der Region Neckar-Alb, die größte Stadt zwischen Stuttgart und dem Bodensee. Als Wirtschafts- und Bildungsstandort tragen wir Verantwortung über die Stadtgrenzen hinaus – von der Schulträgerschaft bis hin zur sozialen Infrastruktur für das Umland.
Diese Verantwortung spiegelt sich in unserem Haushalt wider. Die Mittel sind überwiegend durch Pflichtaufgaben gebunden: Bildung, Soziales, Sicherheit und Verwaltung. Zudem stehen bis 2028 hohe Investitionen an, etwa für Schulen, Kitas und Verkehrsinfrastruktur.
Doch der Spielraum zur Finanzierung dieser Aufgaben schrumpft weiter. Tarifsteigerungen, höhere Energiepreise und wachsende Sozialleistungen belasten den Ergebnishaushalt erheblich. Hinzu kommt eine wirtschaftlich angespannte Lage, die sich unmittelbar auf die Gewerbesteuer auswirkt. Wenn Unternehmen Stellen abbauen oder schließen, spüren wir das sofort. Sinkende Einnahmen bei gleichzeitig steigenden Verpflichtungen treiben uns in eine dauerhafte Schieflage.
Wegfall von rund 250 Stellen – ein tiefgreifender Einschnitt
Vor der Aufstellung des Doppelhaushalts 2026/2027 habe ich daher alle Ämter aufgefordert, Einsparpotenziale offenzulegen – auch dort, wo kaum noch Spielraum besteht. Das Ergebnis: Kürzungen in Höhe von über elf Millionen Euro! Doch selbst das reicht nicht aus, um einen genehmigungsfähigen Haushalt vorzulegen.
Damit steht nun ein Schritt zur Debatte, der in vielen Kommunen lange als Ultima Ratio galt: Ein gezielter Stellenabbau! Unser Haushaltsentwurf sieht eine Reduzierung des Stellenbestands um zehn Prozent bis 2030 vor – konkret bedeutet das den Wegfall von rund 250 Stellen in der gesamten Verwaltung. Das ist ein tiefgreifender Einschnitt.
Über diesen Schritt habe ich die Mitarbeitenden in einer Personalversammlung frühzeitig informiert. Transparenz ist mir in dieser Situation besonders wichtig, weil zehn Prozent weniger Stellen keine abstrakte Zahl sind, sondern eine Entscheidung mit spürbaren Auswirkungen.
Die Mitarbeitenden leisten jeden Tag viel für diese Stadt, oft unter hoher Belastung. Der geplante Stellenabbau richtet sich nicht gegen sie, sondern ist Ausdruck der finanziellen Realität, in der wir handeln müssen. Gerade aus Respekt vor ihrer Arbeit war es mir wichtig, frühzeitig Klarheit zu schaffen und den Prozess offen zu beginnen.
Klarheit bedeutet aber auch Verbindlichkeit. Nun ist jedes Amt gefordert darzulegen, wie dieses Ziel in den kommenden vier Jahren erreicht werden kann. Dabei geht es nicht allein um den Wegfall einzelner Stellen, sondern um eine grundlegende Überprüfung von Aufgaben, Abläufen und Strukturen. Prozesse müssen analysiert, Ressourcen effizienter eingesetzt und Organisationseinheiten strategisch weiterentwickelt werden. Erst wenn ein schlüssiger und belastbarer Plan vorliegt, der nachvollziehbar darlegt, wie das Ziel umgesetzt werden kann, können Stellen wieder extern ausgeschrieben und besetzt werden. Faktisch bedeutet das zunächst einen umfassenden Einstellungsstopp in allen Bereichen der Verwaltung.

Die Beschäftigung in den Kommunen ist in den vergangenen Jahren um nahezu 25 Prozent gestiegen – ein Zeichen für die stark gewachsene Aufgabenfülle auf dieser Ebene. Gleichzeitig stehen viele kommunale Haushalte finanziell unter enormem Druck, sodass es zunehmend zu Stellenkürzungen kommt. Trotz Rekordbeschäftigung herrscht jedoch ein erheblicher Personalmangel: Hunderttausende Stellen sind unbesetzt, und in den kommenden Jahren gehen viele Beschäftigte der Babyboomer-Generation in den Ruhestand. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie kommunale Behörden angesichts von demografischem Wandel, Fachkräftemangel und steigenden Aufgaben langfristig handlungsfähig bleiben können.
Stellenabbau in Kommunen: Dauerhaft stärkere Belastung gilt es zu vermeiden
Interne Ausschreibungen bleiben möglich. Sie verändern jedoch nicht die Gesamtzahl der Stellen – wir verteilen Aufgaben neu, schaffen aber keine zusätzlichen Kapazitäten. Wo wir einen Bereich stärken, wird ein anderer zwangsläufig geschwächt.
Weniger Kapazitäten bleiben nicht ohne Folgen. Zehn Prozent weniger Personal bedeuten eine geringere Leistungsfähigkeit. Längere Bearbeitungszeiten, verzögerte Genehmigungen, eingeschränkte Öffnungszeiten oder eine reduzierte Präsenz im öffentlichen Raum können die Folge sein. Gerade dort, wo Bürgerinnen und Bürger unmittelbar mit Verwaltung in Kontakt kommen, etwa bei sozialen Leistungen, in Kitas oder im Bürgerservice, dürften die Auswirkungen besonders deutlich spürbar werden.
Diese Entwicklung stellt uns vor eine doppelte Verantwortung: gegenüber der Bürgerschaft ebenso wie gegenüber unseren Mitarbeitenden. Die Antwort kann nicht sein, die verbleibenden Beschäftigten dauerhaft stärker zu belasten. Als Oberbürgermeister sehe ich es als meine Aufgabe, sie zu schützen. Deshalb geht es darum, Aufgaben klar zu priorisieren und Abläufe so weiterzuentwickeln, dass Verantwortung und Ressourcen wieder in ein tragfähiges Verhältnis kommen.
Jetzt geht es darum, Aufgaben klar zu priorisieren und Abläufe so weiterzuentwickeln, dass Verantwortung und Ressourcen wieder in ein tragfähiges Verhältnis kommen.
Doch selbst die beste interne Organisation stößt an Grenzen, wenn die äußeren Rahmenbedingungen nicht stimmen. Klar ist: Die Ursachen liegen nicht vor Ort. Das ist kein kommunales Versagen, sondern ein strukturelles Problem! Bund und Länder übertragen immer neue Aufgaben auf die Kommunen, ohne dauerhaft für eine gesicherte Finanzierung zu sorgen. Die Verantwortung wächst – die finanziellen Spielräume jedoch nicht.
Erwartungen an das Land
Wir brauchen deshalb eine grundlegende Neuordnung der Finanzbeziehungen zwischen Bund, Ländern und Kommunen – letztlich eine Staatsreform! Lange habe ich den Föderalismus als Stärke betrachtet.
Heute sehe ich, dass Zuständigkeiten und Finanzierung nicht mehr zusammenpassen. Wenn Bundesgesetze vor Ort umgesetzt werden müssen, braucht es auch direkte und verlässliche Finanzierungswege. Ohne klare Verantwortlichkeiten und ausreichende Mittel droht vielen Kommunen die schleichende Handlungsunfähigkeit.
Vom Land erwarte ich mir eine spürbare Entlastung der Kommunen – insbesondere durch die Vereinfachung von Dokumentations- und Berichtspflichten. Diese binden in den Rathäusern Personal, ohne vor Ort zusätzlichen Nutzen zu schaffen. Wer Kommunen stärken will, muss ihnen mehr Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben geben, statt sie mit immer neuen Formalvorgaben zu belasten.
Entbürokratisierung darf kein Schlagwort bleiben. Wir brauchen verbindliche Standards – mehr Vertrauen in kommunale Verantwortung und weniger Misstrauensbürokratie. Nicht jede Fördermaßnahme muss mit umfangreichen Prüf- und Berichtsketten abgesichert werden. Andernfalls wächst der Verwaltungsaufwand weiter an.
Städte und Gemeinden sind die Orte, an denen Staat konkret erlebt wird – ob der Bus fährt, ob ein Kita-Platz vorhanden ist oder Anträge zügig bearbeitet werden. Wenn Kommunen nur noch verwalten statt gestalten können, leidet das Vertrauen in staatliches Handeln. Das wirkt sich unmittelbar auf die Stimmung im Land und letztlich auch auf Wahlentscheidungen aus.
Wer Städte und Gemeinden zu Einschnitten in die eigene Substanz zwingt, schwächt die Leistungsfähigkeit des Staates dort, wo er für die Menschen sichtbar wird. Umso wichtiger ist es, jetzt die richtigen strukturellen Weichen zu stellen – damit kommunale Verwaltung leistungsfähig, modern und als Arbeitgeber attraktiv bleibt.
Denn am Ende entscheidet sich vor Ort, ob Demokratie funktioniert.
Autor

Thomas Keck ist seit 2019 Oberbürgermeister der Stadt Reutlingen.