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Mehr Platz fürs Gehen: Vier Städte testen neue Gehwegkonzepte

Balingen, Heilbronn, Pforzheim und Stuttgart erproben neue Ansätze für sichere und barrierefreie Gehwege. Das Land Baden-Württemberg will so den Fußverkehr stärken – und mehr Menschen zum Gehen im Alltag bewegen.

Vier Städte in Baden-Württemberg starten ein gemeinsames Modellprojekt für bessere Gehwege. Ziel ist es, typische Hindernisse im öffentlichen Raum zu identifizieren und Lösungen zu entwickeln, die sich auf andere Kommunen übertragen lassen. Das Projekt ist Teil der landesweiten Fußverkehrsstrategie, mit der das Zufußgehen deutlich attraktiver werden soll.

Verkehrsminister Winfried Hermann betont die Bedeutung freier Gehwege für den Alltag: „Wer zu Fuß, mit einem Kinderwagen oder im Rollstuhl unterwegs ist, braucht Platz – und zwar genügend Platz.“ Häufige Engstellen durch parkende Autos, Schilder oder Mülltonnen führten dazu, dass Menschen auf die Straße ausweichen müssten – mit entsprechenden Sicherheitsrisiken.

Hindernisse systematisch erfassen

Im ersten Schritt dokumentieren die Modellkommunen den Zustand ausgewählter Gehwege. Dafür kommen unter anderem 360-Grad-Kameras zum Einsatz. Die erfassten Daten bilden die Grundlage für Workshops, an denen Verwaltung, kommunale Betriebe, Gewerbe und Anwohnende beteiligt sind.

Gemeinsam sollen konkrete Maßnahmen entwickelt werden, um Hindernisse zu beseitigen und die Nutzbarkeit der Wege zu verbessern. Im Fokus stehen typische Konfliktpunkte wie abgestellte Mülltonnen, Werbeaufsteller, Verkehrsschilder oder auf Gehwegen parkende Fahrzeuge.

Mehr Raum durch bessere Planung

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der zukünftigen Planung von Straßenräumen. Gehwege sollen frühzeitig mitgedacht und nicht erst nachträglich angepasst werden. Technische Einrichtungen wie Ladesäulen oder Parkscheinautomaten sollen möglichst gebündelt in sogenannten Multifunktionsflächen untergebracht werden.

Ziel ist es, Engstellen von vornherein zu vermeiden und den verfügbaren Raum effizienter zu nutzen. Eine klare Trennung der Nutzungen kann dazu beitragen, Konflikte im Straßenraum zu reduzieren und die Sicherheit zu erhöhen.

Zwischen Anspruch und Zielkonflikten

Wie groß die Spielräume in der Praxis sind, bleibt jedoch offen. Viele der identifizierten Hindernisse erfüllen Funktionen: Verkehrsschilder sorgen für Sicherheit, Mülltonnen müssen zugänglich bleiben, und auch Gewerbe ist auf Außenflächen angewiesen. Gleichzeitig sollen Städte verdichtet, begrünt und klimaresilient gestaltet werden – zusätzliche Nutzungsansprüche, die ebenfalls Raum beanspruchen.

Der zentrale Zielkonflikt liegt im begrenzten Straßenraum. Mehr Platz für Fußgänger bedeutet häufig, anderen Nutzungen Fläche zu entziehen. Ein naheliegender Hebel wäre die Reduzierung von Flächen für den ruhenden Verkehr. Gleichzeitig müssen Straßen auch künftig ausreichend Raum für Busse, Lieferverkehr und zunehmend größere Fahrzeuge bieten. Vielerorts wird das Parken am oder auf dem Gehweg zudem weiterhin toleriert.

Vor diesem Hintergrund dürfte entscheidend sein, ob es gelingt, aus den Modellprojekten nicht nur Empfehlungen abzuleiten, sondern auch konkrete Prioritäten zu setzen – und diese im Zweifel politisch durchzusetzen.