Fortschritt mit allen: Digital Only ohne Ausgrenzung
Der analoge Behördengang hat ein Ablaufdatum. Zumindest wenn es nach der Digitalministerkonferenz (DMK) geht. Das Gremium der 16 Länder-Digitalminister beschloss Ende November 2025 einstimmig, das Prinzip „Digital Only“ gesetzlich zu verankern. In Zukunft soll also in keinem Bürgerbüro oder Rathaus ein Formular für behördliche Leistungen von Hand ausgefüllt und bearbeitet werden. Dies wird dann ausschließlich digital möglich sein.
Die Initiative geht zurück auf den bayerischen Digitalminister Fabian Mehring. Er verwies dabei auf die Kosten des parallelen Betriebs digitaler und analoger Verwaltungsangebote. Rückendeckung lieferte ihm eine Studie des ifo-Instituts im Auftrag der IHK München und Oberbayern: Die stellte fest, durch die reine Digitalisierung in diesem Bereich hätte Deutschland eine um 96 Milliarden Euro höhere Wirtschaftsleistung pro Jahr.
Der Beschluss der Digitalminister bedeutet zwar keine unmittelbare Umsetzung, zumal behördliche Leistungen noch lange nicht ausreichend digitalisiert sind. Doch die Richtung scheint klar: Langfristig soll der Kontakt zu Behörden in Deutschland in erster Linie digital erfolgen.
Dagegen stellen sich Bürgerrechtsorganisationen wie „Digitalcourage“. Der Verein hat eine Petition gestartet, die das Recht auf ein Leben ohne „Digitalzwang“ im Grundgesetz verankern will. Die Kritik richtet sich laut dem Verein nicht gegen Digitalisierung an sich, sondern gegen das „Wegsperren“ analoger Alternativen: Problematisch werde es dort, wo digitale Angebote die einzigen Zugänge werden und analoge Wege wegfallen. Digitalcourage sieht darin vor allem eine demokratische Frage: Wer kein Smartphone besitzt, großen Tech-Konzernen misstraut oder analog bleiben will, solle nicht von staatlichen Leistungen ausgeschlossen werden.
Die Digitalminister wiesen den Einwand zurück, mit Digital Only einen Teil der Bevölkerung auszuschließen. Vielmehr könnte man aus den eingesparten Kosten eine persönliche Begleitung für diejenigen finanzieren, die mit dem Digitalen fremdeln. Was das in der Praxis bedeutet, ließen sie allerdings offen.
Unterstützung bei Digital Only bleibt nötig
Wie auch immer man zur Frage digital oder analog steht, klar ist, schon jetzt wird die Welt immer digitaler. Und es ist notwendig, dass Menschen, die damit Schwierigkeiten haben, unterstützt werden. „In Baden-Württemberg sind wir da wirklich gut aufgestellt“, betont Miriam Brehm. Sie ist Leiterin des Teams Medienkompetenz in der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK). Die LFK engagiert sich als Medienanstalt für Baden-Württemberg seit Jahren aktiv für digitale Teilhabe im Land. Gerade im Bereich des Ehrenamts gebe es laut Brehm schon viele Initiativen, die ehrenamtliche Begleiterinnen und Begleiter ausbilden, auf Landes- wie auf kommunaler Ebene.
Wie groß der Unterstützungsbedarf noch ist, zeigt die aktuelle SIM-Studie 2024 (SIM steht für Seniorinnen und Senioren, Information, Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest. 87 Prozent der Seniorinnen und Senioren nutzen danach inzwischen das Internet, mehr als noch 2021. „Seit der Corona-Zeit gibt es deutlich mehr Onliner, auch unter Seniorinnen und Senioren“, erklärt Brehm. Trotz der gestiegenen Nutzung bestünden jedoch weiterhin große Unterschiede bei den digitalen Fähigkeiten. „Bei den Personen über 80 Jahren sind über ein Drittel nicht online. Man kann also nicht sagen, die Älteren haben alle die gleichen Voraussetzungen.“ Deshalb sei es wichtig, bei einer vollständigen Digitalisierung des Behördenangebots Unterstützungsleistungen mitzudenken.
Brehm sieht hier nämlich durchaus die Gefahr, dass viele Menschen vor den Kopf gestoßen werden. „Ein älterer Mensch fühlt sich schon jetzt oft nicht mitgenommen. Wenn analoge Angebote plötzlich wegfallen, fragen sich viele: Was mache ich jetzt?“ Diese Personen gelte es nicht zu vergessen. Wichtig sei, frühzeitig mit dieser Gruppe in Kontakt zu treten und den Austausch zu suchen, etwa indem von staatlicher Seite das Gespräch mit Seniorenverbänden gesucht wird. „Hier kann man nachfragen: Was braucht ihr denn, wenn das jetzt digitalisiert wird? Was muss da vorher passieren, wie können wir das gut kommunizieren und wo kann man sich hinwenden?“, unterstreicht Brehm.
Es sollte also nicht so vonstattengehen wie beispielsweise kürzlich bei der SSB (Stuttgarter Straßenbahnen AG). Hier sollten Fahrgäste ab Juli in Bussen keine Tickets mehr mit Bargeld beim Fahrpersonal kaufen können, sondern nur noch kontaktlos oder digital. Der Aufschrei in der Öffentlichkeit und von Sozialverbänden war groß, die Bargeldzahlung wurde darauf bis zum Beginn der Sommerferien verlängert. Brehm sieht darin ein warnendes Beispiel: „Oftmals steht so eine kurzfristige Änderung einfach in der Zeitung und wird verkündigt. Für manche Menschen stellt das zunächst eine große Hürde dar, weil ihnen die bisher analoge vertraute Zahlmöglichkeit im Bus plötzlich nicht mehr zur Verfügung steht.“

Digitale Teilhabe: Anlaufstellen im ganzen Land
Die Hinweise zu Hilfsangeboten sind für Brehm also bei der Umstellung ins Digitale essenziell. Zwar gebe es bereits ein breites Spektrum an Initiativen, doch werden diese bislang meist nur punktuell und nicht flächendeckend in einer landesweiten Struktur angeboten. Ziel sollte es daher sein, die bestehenden erfolgreichen Ansätze zu bündeln und zu einem landesweiten Angebot auszubauen.
Die LFK bündelt seit 2015 alle entsprechenden Landesinitiativen im „Netzwerk Seniorinnen und Senioren im Internet“. Es bringt engagierte Akteurinnen und Akteure aus Landespolitik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Praxis zusammen, um älteren Menschen den Zugang zur digitalen Welt zu erleichtern und sie beim souveränen Umgang mit digitalen Medien zu unterstützen. „Mit dabei sind hier unter anderem die zuständigen Ministerien, der Landesseniorenrat, die Verbraucherzentrale und der Volkshochschulverband“, erklärt sie weiter.
Mit der Lern-App „Starthilfe“ biete die LFK zudem älteren Menschen einen niedrigschwelligen Einstieg in die digitale Welt, indem sie in einer geschützten Lernumgebung die wichtigsten Grundlagen zur Nutzung digitaler Geräte, Apps und Messenger Schritt für Schritt verständlich vermittelt und unmittelbar praktisch erproben lässt.
Dass Kommunen dabei eine Schlüsselrolle spielen können, zeigt ein Pilotprojekt in Stuttgart. Hier habe die LFK gemeinsam mit der Stadt Einstiegsseminare entwickelt. Daraus ist inzwischen eine feste Struktur geworden mit einer eigenen Stelle für digitale Teilhabe bei der Stadt. „Da werden Digital-Helfende ausgebildet und die können dann bei der Nutzung digitaler Anwendungen unterstützen, sei es in Generationenhäusern oder Stadtteilbibliotheken.“
Ein häufiges Problem bei der Vermittlung von Digitalkompetenzen ist, dass die ohne Kompetenz gar nicht erst zu den vorhandenen Unterstützungsangeboten kommen. Brehm empfiehlt daher, vorhandene Strukturen aus anderen Bereichen zu nutzen. „Es gibt ja schon Nachbarschaftshilfen oder kirchliche Träger – also Systeme, wo Menschen besucht werden“, erklärt sie. Auch dort tauchen digitale Fragestellungen auf. Besuchsdienste könnten nicht nur beim Einkaufen helfen, sondern auch beim Zugang zu digitalen Diensten – oder zumindest darüber informieren, wo es weitergehende Hilfe gibt. Etwa in Bibliotheken, bei der VHS oder der Verbraucherzentrale.
Digital Only: Was Deutschland von Dänemark lernen kann
Dass das Prinzip „Digital Only“ funktionieren kann, zeigt das Beispiel Dänemark: Fast 90 Prozent aller Anträge an die öffentliche Verwaltung werden hier seit langem online eingereicht – die digitale Abwicklung ist Pflicht. Wer auf Papier besteht, muss einen triftigen Grund nennen. Doch Dänemark hat von Beginn an jene mitgedacht, die nicht mitkommen: Alle Bibliotheken des Landes sind mit einem Computerbereich ausgestattet und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind darin geschult, digital unerfahrene Bürgerinnen und Bürger zu unterstützen. Wer sich mit dem System schwertut, findet also Hilfe – in jeder Bibliothek, aber auch beim Bürgerservice im Rathaus oder über eine digitale Vollmacht für eine Vertrauensperson. Sollte „Digital Only“ in Deutschland tatsächlich Realität werden, käme es also nicht nur auf die Technik an, sondern ebenso auf begleitende Unterstützung . Und insbesondere auf eine Kommunikationsstrategie dazu, die alle erreicht.
Netzwerk Seniorinnen und Senioren im Internet
Das Netzwerk bündelt Initiativen in Baden-Württemberg und unterstützt ältere Menschen dabei, digitale Angebote sicher und selbstbestimmt zu nutzen.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 8/2026 des die:gemeinde-Magazins.