Kindergartengruppe
Mit dem Konzept KitaFlex können Kitas bis zu 20 Prozent ihres Personals durch Zusatzkräfte ohne Fachkraftstatus ergänzen.
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Mehr Flex, weniger Vorschrift

Fachkräftemangel, überregulierte Systeme, zu wenig Betreuungsplätze – die Herausforderungen im Kita-System des Landes sind gewaltig. Mit dem Modell „KitaFlex“ wollen die Kommunalen Landesverbände und der Kommunalverband Jugend und Soziales (KVJS) ein flexibles und praxistaugliches Instrument schaffen, das Trägern mehr Spielraum gibt.

Das System der frühkindlichen Bildung in Baden-Württemberg steht unter Druck. Fachkräfte fehlen, der Ausbau stockt und viele Träger beklagen einen kaum noch zu durchdringenden Regelungsdschungel. Vor diesem Hintergrund wurde das Modell „KitaFlex“ entwickelt. Es soll den Trägern dabei helfen, flexibler zu arbeiten und dennoch qualitative Standards einzuhalten. Die Kommunalen Landesverbände und das Landesjugendamt des Kommunalverbands Jugend und Soziales (KVJS) haben das Konzept gemeinsam auf den Weg gebracht. Noch steckt es in den Anfängen. Doch das Interesse steigt.

Was ist KitaFlex?

KitaFlex ist ein Rahmenmodell zur Erprobung flexibler Angebotsformen und Personalstrukturen in Kindertageseinrichtungen, das auf dem Paragrafen 11 des Kindertagesbetreuungsgesetzes (KiTaG) basiert. Es wurde als Reaktion auf vielfache Anfragen aus der Praxis entwickelt. Ziel ist es, die besonders komplexe Systematik in Baden-Württemberg zu entflechten und die Planung vor Ort zu erleichtern. „KitaFlex ist ein Angebot, keine Vorschrift“, betont Gerald Häcker, Dezernatsleiter beim Landesjugendamt des KVJS. „Träger können das Modell übernehmen, anpassen oder eigene Wege gehen.“ Begleitet wird das Erprobungsmodell vom Kita-Referat des Landesjugendamts. Dessen Leiterin Kristin 

Hermann bringt dabei die Perspektive der Betriebserlaubnisbehörde ein: „Ein Konzept kann nur funktionieren, wenn es von den Beteiligten mitgetragen wird“, sagt Hermann.

Die zentralen Elemente

Statt mit festen Gruppengrößen und starren Altersvorgaben zu arbeiten, rechnet KitaFlex mit einer Personal-Kind-Relation. Für Kinder unter drei Jahren liegt diese bei 1 zu 6, für Kinder über drei Jahren bei 1 zu 12 beziehungsweise 2 zu 25. Das ermöglicht eine flexiblere Gruppenzusammensetzung – auch über Altersgrenzen hinweg – und erlaubt es Trägern, individueller auf die Entwicklung einzelner Kinder zu reagieren.

Ein zweites Kernelement betrifft den mittelbaren Personaleinsatz, also die Zeiten, in denen pädagogische Fachkräfte nicht direkt mit den Kindern arbeiten, sondern etwa Angebote planen, Elterngespräche führen, Teamabsprachen treffen oder die Umsetzung des Orientierungsplans ausarbeiten. Diese Zeiten werden bei KitaFlex nicht pauschal berechnet, sondern abhängig von der tatsächlichen Zahl der Kinder in der Einrichtung. Das erhöht die Planbarkeit und lässt sich besser an die Gegebenheiten vor Ort anpassen.

Auch mit Blick auf Ausfallzeiten bringt KitaFlex Neuerungen: Im bisherigen System sind Urlaubs- oder Krankheitszeiten pauschal in den Mindestpersonalschlüssel eingerechnet. Das Modell verschiebt diese Verantwortung in die Hand der Träger. Sie müssen selbst dafür sorgen, dass bei Ausfällen Ersatz bereitsteht – zum Beispiel durch den Aufbau von Springerpools. Kristin Hermann sieht darin einen Gewinn an Eigenverantwortung, aber auch einen Realitätscheck: „Vor Ort wissen die Träger am besten, welche Lösungen funktionieren.“

Fachkräftequote: 80 Prozent

Ein besonders diskutiertes Thema ist der Einsatz von Zusatzkräften. KitaFlex erlaubt es, bis zu 20 Prozent der Arbeitszeit mit Personen zu besetzen, die nicht den klassischen Fachkraftstatus erfüllen. Mindestens 80 Prozent des Personaleinsatzes sollen weiterhin durch ausgebildete Fachkräfte erfolgen – bezogen auf den unmittelbaren und mittelbaren Einsatz sowie auf die Leitungszeit. Häcker betont: „Wir brauchen multiprofessionelle Teams, aber der Kern bleibt pädagogisch fundiert. Das könne zum Beispiel eine sportpädagogisch ausgebildete Kraft sein oder eine erfahrene Quereinsteigerin aus der Pandemiezeit. Hermann ergänzt: „Das sind keine Hilfskräfte ohne Bezug – sondern Menschen, die mit ihrer Erfahrung und ihrem spezifischen Wissen das Team sinnvoll ergänzen.“

Erprobungen nach Paragraf 11 KiTaG sind nicht im Alleingang umsetzbar. Gesetzlich vorgeschrieben ist ein Beteiligungsprozess, der alle betroffenen Gruppen einbezieht – also zum Beispiel Fachkräfte, Eltern, Kinder (je nach Thema), Träger und Kommune. Der KVJS empfiehlt, diesen Prozess frühzeitig zu starten. „Ohne Mitwirkung vor Ort funktioniert das nicht“, so Hermann. Der Beteiligungsprozess sei keine formale Hürde, sondern die Grundlage für Akzeptanz und gelingende Umsetzung.

KitaFlex wurde Ende Januar vorgestellt und ist daher bisher noch in wenigen Einrichtungen angekommen. Vier Anträge wurden bislang gestellt, zwei davon genehmigt. Beide Einrichtungen dürfen mit dem Modell arbeiten, ob es sich um kommunale oder freie Träger handelt, war zum Redaktionsschluss noch unklar. Das Modell ist bewusst als Angebot gedacht – keine Einrichtung ist verpflichtet, es zu übernehmen. Das Interesse steigt jedoch spürbar: Zehn digitale Trägerveranstaltungen wurden bereits durchgeführt, jeweils mit starker Nachfrage. Die Veranstaltungen sind praxisnah konzipiert – inklusive Rechenbeispiele, die gemeinsam mit den Teilnehmenden durchgegangen werden.

Eine formale Evaluation ist gesetzlich nicht vorgeschrieben, wird aber punktuell angestrebt. Erste Forschungsprojekte, etwa an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, laufen bereits.

Was Kommunen erwartet

KitaFlex ist kein Selbstläufer. Träger müssen ein tragfähiges Konzept entwickeln, einen Beteiligungsprozess dokumentieren und ein Schutzkonzept einreichen. Der Antrag auf Erprobung wird digital beim KVJS gestellt, die Prüfung erfolgt auf Basis bestehender Kriterien und mit derselben Sorgfalt wie bei anderen Erprobungsmodellen. „Wir beraten auf Wunsch detailliert und rechnen in unseren Veranstaltungen sogar live mit den Trägern durch“, sagt Hermann. Auch Rückmeldungen aus der Praxis seien willkommen – denn eine Evaluation durch den KVJS ist nicht vorgesehen. Umso wichtiger sei der direkte Austausch.

KitaFlex könnte ein Türöffner sein – hin zu einem entbürokratisierten Regelsystem. Wenn das Modell in der Praxis funktioniert, ist laut KVJS denkbar, dass zumindest einzelne Elemente vom Land rechtlich aufgegriffen werden. Eine stärkere Orientierung an tatsächlichen Bedarfen, weniger Bürokratie und passgenauere Strukturen – das sind zentrale Versprechen, die viele Träger gern eingelöst sehen würden. „Wir brauchen Modelle, die den Spagat schaffen: mehr Plätze, aber ohne Qualitätsverlust“, sagt Häcker. KitaFlex sei kein Allheilmittel, aber ein praktikabler Ansatz. Hermann ergänzt: „Wer als Träger ernsthaft plant, etwas zu verändern, bekommt mit KitaFlex ein durchdachtes und erprobbares Modell an die Hand.“ Wer in seiner Kommune also kreative Lösungen gegen den Fachkräftemangel sucht, sollte KitaFlex kennen. Es bringt Bewegung ins starre System – vorausgesetzt, Träger und Fachkräfte ziehen gemeinsam an einem Strang.