Zusammenhalt in der EU beginnt in den Kommunen
Europa wird häufig als Projekt der großen Institutionen wahrgenommen – von Kommission, Parlament und Ministerräten. Doch der europäische Gedanke lebt vor allem dort, wo Menschen sich begegnen: in Städten und Gemeinden. Genau hier setzt die Veranstaltung „Kommunen sagen Ja zu Europa“ an, die am 18. Juni 2026 in Ellwangen stattfindet.
Die Tagung richtet sich an Kommunen und Akteurinnen und Akteure der kommunalen Ebene, die sich stärker in europäische Netzwerke, Projekte oder Partnerschaften einbringen wollen. Ziel ist es, Mut zu machen und konkrete Wege aufzuzeigen, wie europäische Zusammenarbeit vor Ort gelingen kann. Veranstaltet wird sie vom Informationszentrum EUROPoint Ostalb im Landratsamt Ostalbkreis gemeinsam mit anderen Kooperationspartnern.
Simone Oesterle vom Europabüro des Landratsamts Ostalbkreis beschreibt die Idee dahinter so: „‚Kommunen sagen Ja zu Europa‘ ist eine jährlich stattfindende Veranstaltung, die Kommunen und Akteurinnen und Akteure, die auf kommunaler Ebene aktiv sind, ermutigen soll, sich in europäischem Austausch und Projekten zu engagieren.“ Gerade in Zeiten knapper kommunaler Kassen und vielfältiger Krisen drohten Themen wie Städtepartnerschaften, Jugendaustausch oder europäische Kooperation schnell ins Hintertreffen zu geraten.
Dabei seien sie gerade jetzt wichtig. „Durch den Aufbau von gegenseitigem Vertrauen, die Pflege persönlicher Beziehungen und Freundschaften sowie das voneinander Lernen bietet dies allen Beteiligten einen Mehrwert“, sagt Oesterle. Die Veranstaltung bringt deshalb mehrere Elemente zusammen: inspirierende Praxisbeispiele, konkrete Förderprogramme und Möglichkeiten zur Vernetzung. Im Mittelpunkt stehen unter anderem EU-Programme wie Citizens, Equality, Rights and Values (CERV), Erasmus+ im Jugendbereich, das Europäische Solidaritätskorps sowie Fördermöglichkeiten über LEADER oder Engagement Global für kommunale Partnerschaften etwa mit der Ukraine sowie Ost- und Südosteuropa.
Neben Informationen zu Fördermitteln spielt der persönliche Austausch eine zentrale Rolle. Viele Kommunen stünden vor ähnlichen Herausforderungen – etwa der Frage, wie sich europäische Projekte personell stemmen lassen oder wie sich politische Gremien von ihrem Nutzen überzeugen lassen.
Große Chancen für kleinere Kommunen
Gerade kleinere und mittelgroße Kommunen können von europäischer Zusammenarbeit besonders profitieren – auch wenn dies auf den ersten Blick nicht immer offensichtlich erscheint. Nach Beobachtung der Beratungsstellen ist ihr Potenzial häufig größer als angenommen und sie spielen „aus unserer Sicht eine eher unterschätzte Rolle“, sagt Oesterle. Während europäische Projekte in großen Städten oft nur eine Initiative unter vielen seien, könne ein Austauschprogramm oder eine neue Partnerschaft in kleineren Gemeinden deutlich sichtbarer wirken.
Allerdings stehen dem häufig begrenzte personelle Ressourcen gegenüber. „Es fehlen oft die Strukturen oder Personen, die Anträge schreiben können und die Mehrarbeit, die mit europäischer Zusammenarbeit mitkommt, tragen können.“ Viele Verwaltungen und Ehrenamtliche bewegten sich daher in einem Spannungsfeld: auf der einen Seite große Chancen, auf der anderen Seite begrenzte Kapazitäten.
Genau hier wollen Beratungsangebote wie der EUROPoint Ostalb ansetzen. Als Teil des europaweiten Europe-Direct-Netzwerks informiert er über europäische Programme, unterstützt Kommunen bei Projekten und bringt Akteure miteinander in Kontakt. Der konkrete Mehrwert? „Zuerst einmal Wissen und Kontakte zu unseren Förder- und Beratungsstrukturen – das verkürzt den Weg zu einer europäischen Förderung!“, sagt Oesterle.
Häufig entstünden dort auch ganz praktische Netzwerke: Kommunen tauschen Erfahrungen über erfolgreiche Förderanträge aus oder diskutieren Strategien, um politische Entscheidungsträger von Europaprojekten zu überzeugen. Dass die Veranstaltung diesmal im Ostalbkreis stattfindet, ist kein Zufall. Die Lage der Region zwischen Baden-Württemberg und Bayern unterstreiche den verbindenden europäischen Gedanken, so Oesterle.
Ellwangen als europäische Bühne
Austragungsort der Tagung ist die Landesgartenschau 2026 in Ellwangen – ein bewusst gewählter Rahmen. Für Ellwangens Oberbürgermeister Michael Dambacher ist die Veranstaltung ein klares Signal für die Rolle der Kommunen in Europa. „Die Veranstaltung ‚Kommunen sagen Ja zu Europa‘ im Rahmen der Landesgartenschau 2026 ist für uns in Ellwangen ein starkes Signal“, sagt er. Die Gartenschau sei „weit mehr als eine Ausstellung – sie ist ein Ort der Begegnung, des Dialogs und der Zukunftsgestaltung. Europa gehört dabei selbstverständlich dazu“.
Gerade im Alltag der Kommunen werde sichtbar, wie stark Europa bereits wirke – etwa durch Förderprogramme, nachhaltige Stadtentwicklung oder Kooperationen zwischen Regionen. Die Gartenschau biete eine ideale Bühne, um diese Verbindungen sichtbar zu machen. Dambacher betont dabei die grundlegende Rolle der kommunalen Ebene: „Städte und Gemeinden sind das Fundament Europas. Hier erleben Bürgerinnen und Bürger konkret, was Zusammenhalt, Solidarität und gemeinsame Werte bedeuten.“

Von der Tagung erhofft sich der Oberbürgermeister deshalb konkrete Impulse: „Ich erwarte einen intensiven Austausch, neue Impulse für die kommunale Praxis und ein klares Bekenntnis: Europa wächst von unten – aus der Kraft seiner Städte und Gemeinden heraus.“
Neue Freundschaften über Grenzen hinweg
Wie europäische Zusammenarbeit ganz konkret aussehen kann, zeigt ein Beispiel aus Pfinztal im Landkreis Karlsruhe. Dort ist in den vergangenen Jahren eine neue Städtepartnerschaft mit der südfranzösischen Gemeinde Roquebrune-sur-Argens entstanden – eine Entwicklung, die heute keineswegs selbstverständlich ist. Der Anfang war vergleichsweise unspektakulär: Begegnungen zwischen Vertreterinnen und Vertretern beider Gemeinden führten zu ersten Gesprächen über eine mögliche Zusammenarbeit. Daraus entwickelte sich Schritt für Schritt der Wunsch nach einer offiziellen Partnerschaft.
Der Gemeinderat von Pfinztal beschloss schließlich im November 2024 einstimmig, eine entsprechende Vereinbarung auszuarbeiten. Im Mai 2025 wurde die Partnerschaft in Roquebrune-sur-Argens offiziell besiegelt, später folgte die Unterzeichnung in Pfinztal. Der Zeitpunkt der Zeremonie war bewusst gewählt: Sie fand unmittelbar nach den Gedenkveranstaltungen zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs statt. Zum ersten Mal seit Kriegsende waren deutsche Gäste eingeladen, an den offiziellen Gedenkfeiern in Roquebrune teilzunehmen – ein symbolischer Moment der Versöhnung.
Die Bürgermeister beider Gemeinden formulierten bei der Unterzeichnung einen Gedanken, der auch für viele andere Partnerschaften gilt: „Es ist wichtig, über nationale Grenzen hinweg Freundschaften zwischen Menschen aufzubauen und zu pflegen. Kommunen können dafür den Rahmen schaffen – doch getragen werden Partnerschaften von den Bürgerinnen und Bürgern.“ Seitdem wächst die Partnerschaft Schritt für Schritt. Kunstprojekte, gemeinsame Veranstaltungen und gegenseitige Besuche von Vereinen sollen die Verbindung weiter vertiefen.
Auch Themen wie nachhaltige Mobilität oder kultureller Austausch stehen auf der Agenda. Die Partnerschaft zwischen Pfinztal und Roquebrune-sur-Argens zeigt damit beispielhaft, wie europäische Zusammenarbeit im Alltag entstehen kann – nicht als abstraktes politisches Projekt, sondern als Netzwerk aus Begegnungen, Ideen und persönlichen Beziehungen. Genau solche Beispiele sollen auch bei der Tagung in Ellwangen im Mittelpunkt stehen. Denn Europa entsteht nicht nur in Verträgen und Institutionen. Es wächst vor allem dort, wo Städte und Gemeinden über Grenzen hinweg miteinander arbeiten – und wo Menschen sich kennenlernen.
„Kommunen sagen Ja zu Europa!“ findet dieses Jahr mit einem Schwerpunkt auf dem Ländlichen Raum am 18. Juni 2026 in Ellwangen statt. Hier finden Sie weitere Informationen.