Strategien und Instrumente für Kommunen
Starkregenrisiken wachsen mit dem Klimawandel
Überschwemmungen aus Gewässern werden oft durch langanhaltenden und ergiebigen Regen verursacht. Starkregenereignisse treten dagegen häufig als sehr lokale, heftige, aber kurze Regenereignisse auf. Die Vorwarnzeiten für ein solches Ereignis sind sehr kurz, da sich ein Gewitter schnell an einem beliebigen Ort zusammenbrauen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass Starkregen auch fernab von Gewässern zu Überflutungen führen kann.
Bei kleinen Gewässern gehen Überflutungen durch Starkregen und Überschwemmungen durch Fließgewässer häufig ineinander über. Anrainer großer Flüsse wie Rhein, Neckar oder Donau verfügen häufig über ein tief verankertes Risikobewusstsein für Hochwasser, während das Bewusstsein für Starkregenüberflutungen noch nicht in gleicher Breite verankert ist. Dabei berichten Versicherungen, dass durch Starkregenüberflutungen höhere Schäden als bei Hochwasser aus Gewässern zu regulieren sind.

Die Risiken durch Hochwasser und Starkregen wurden im Sommer 2024 deutlich, als es in den Regionen Oberschwaben, Allgäu und Stuttgart zu größeren Überschwemmungen kam. Angesichts der Regenmengen und Wassermassen sind die Regionen überwiegend glimpflich davongekommen. Verantwortlich dafür waren die vorhandenen Vorsorge- und Managementkonzepte, die Warnungen der Hochwasservorhersagezentrale bei der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW), sowie die landeseigenen und kommunalen Hochwasserschutzanlagen. Lokal kam es jedoch zu verheerenden Verwüstungen durch extremen Starkregen, zum Beispiel an der Wieslauf. Da der Schutz vor Überflutung infolge von Starkregen allein durch technische Maßnahmen nur in seltenen Fällen möglich ist, ist die Eigenvorsorge der Bevölkerung und Wirtschaft von zentraler Bedeutung.
Es ist extrem wichtig, die Starkregen- und Hochwasservorsorge im Land und in den Kommunen voranzutreiben. Denn durch den fortschreitenden Klimawandel steigt vielerorts die Gefahr durch Extremwetter. Außerdem nehmen die Schadenswerte in Gefahrenbereichen zu. Als Folge steigt das unmittelbare Hochwasserrisiko für Leib und Leben sowie für Immobilien- und Sachvermögen, aber auch für Wirtschaftsunternehmen und die öffentliche Infrastruktur.
Deshalb ist es notwendig, dass alle beteiligten Akteurinnen und Akteure kontinuierlich den Hochwasserschutz und die Hochwasservorsorge verbessern. Hierzu hat das Umweltministerium im Jahr 2022 die weiterentwickelte Strategie zum Umgang mit Hochwasserereignissen in Baden-Württemberg veröffentlicht. Zentraler Bestandteil ist ein 10-Punkte-Programm zur Verringerung von Hochwasserrisiken in Baden-Württemberg.
Gefahrenkarten und kommunales Starkregenrisikomanagement
Ein wichtiges Instrument für die Prävention sind die Hochwassergefahren- und -risikokarten des Landes. Hochwassergefahrenkarten werden für ein Hochwasser mit hoher (HQ10 und HQ50), mittlerer (HQ100) und niedriger (HQExtrem) Eintrittswahrscheinlichkeit erstellt. Sie stellen die Ausdehnung anhand von Überflutungsflächen sowie die Wassertiefen dar. In Baden-Württemberg liegen Hochwassergefahrenkarten für insgesamt 12.500 Flusskilometer vor. Gebiete, in denen ein Hochwasserereignis statistisch gesehen einmal in 100 Jahren zu erwarten ist (HQ100), gelten gemäß gesetzlichen Regelungen als festgesetzte Überschwemmungsgebiete. Für diese Überschwemmungsgebiete gelten besondere Schutzvorschriften, die im kommunalen Aufgabenbereich zu berücksichtigen sind, zum Beispiel in der Bauleitplanung. In den Hochwasserrisikokarten wird die Betroffenheit der vier Schutzgüter menschliche Gesundheit, Umwelt, Kulturerbe und wirtschaftliche Tätigkeit dargestellt.
Seit 2016 gibt es ein landeseinheitliches Vorgehen zur Erstellung eines kommunalen Starkregenrisikomanagements mit einer Gefährdungsanalyse, Risikoanalyse und einem Handlungskonzept. Aus der Gefährdungsanalyse gehen detaillierte kommunale Starkregengefahrenkarten hervor. Mithilfe dieser Karten lässt sich die örtliche Gefährdung durch Überflutungen für drei Starkregenszenarien abschätzen, um entsprechende Maßnahmen zur Risikominderung zu ergreifen. Die Erstellung eines Starkregenrisikomanagementkonzepts wird über die Förderrichtlinien Wasserwirtschaft mit 70 Prozent der Kosten vom Land gefördert. Bisher konnten 557 Kommunen gefördert werden. Davon sind 158 Konzepte bereits abgeschlossen und 374 Konzepte in Bearbeitung. Somit befassen sich etwa 50 Prozent der Gemeinden in Baden-Württemberg aktiv mit dem Thema Starkregenrisikomanagement.
Im Jahr 2025 wurde eine Handreichung veröffentlicht, die Kommunen, Zulassungsbehörden und Planer bei der Umsetzung von kleinen Maßnahmen zum Schutz vor Überflutungen durch wild abfließendes Wasser unterstützt. Ziel dieser Maßnahmen ist es, Überflutungsschäden durch Wasser aus dem Außenbereich durch geringen Aufwand und unter Einsatz vorhandener Mittel zu verringern.
FLIWAS bündelt Informationen für den Ereignisfall
Zur Bereitstellung aller wichtigen Informationen im Ereignisfall wurde vom Land FLIWAS – digitales Flutinformations- und Warnsystem entwickelt. Es unterstützt Kommunen und das Land im Ereignisfall beim Krisenmanagement und ist ein wertvolles Instrument bei der kommunalen Alarm- und Einsatzplanung. Inzwischen wird FLIWAS von 291 Mitgliedern (233 Kommunen und 41 Stadt- und Landkreisen, 10 Wasserverbänden, 7 Landesbehörden) in Baden-Württemberg verwendet. Damit leben rund 50 Prozent der Bevölkerung in einer Kommune, die entweder selbst FLIWAS einsetzt oder einem FLIWAS nutzenden Wasserverband angehört.
Die Stärke von FLIWAS besteht darin, dass alle relevanten Informationen auf einer Plattform zentral gebündelt und parallel visualisiert werden können (Bild unten). Dazu gehören unter anderem Wetter- und Pegelvorhersagen, Hochwasser-, Risiko- und Starkregengefahrenkarten sowie Lage- und Statusmeldungen der technischen Hochwasserschutzanlagen. Darüber hinaus können auch lokale Pegel eingebunden werden. Durch die Personalisierung eines „Lage-Cockpits“ können relevante Pegelmessstellen ausgewählt und Kriterien für Frühwarnungen vor lokalen Hochwasserereignissen definiert werden. So können die Kommunen ihre Alarm- und Einsatzpläne integrieren und werden bei deren Abarbeitung unterstützt.
Im digitalen Flutinformations- und Warnsystem (FLIWAS) werden alle relevanten Informationen gebündelt. Dargestellt werden damit etwa wie hier die Überflutungstiefen bei einem 100-jährlichen Hochwasser (HQ100) sowie bei einem außergewöhnlichen Starkregenereignis. Screenshot: FLIWAS, Umweltministerium Baden-Württemberg
Vorsorge bleibt eine Gemeinschaftsaufgabe
Hochwasserschutz und Hochwasservorsorge lassen sich nur gemeinsam mit allen betroffenen Akteurinnen und Akteuren erreichen. Kommunen übernehmen dabei eine besonders wichtige Rolle durch eine angepasste Bauleitplanung, technischen Hochwasserschutz an kommunalen Gewässern, Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung und den ortsansässigen Unternehmen bis hin zum Krisenmanagement. Durch die Zusammenarbeit zwischen den Kommunen und dem Land konnte eine gute Infrastruktur aus technischen Schutzeinrichtungen zur Minderung von Schäden durch Starkregen- und Hochwasserereignisse aufgebaut werden, die stetig weiterentwickelt werden muss.
Für den Schutz gegen Hochwasser- und Starkregengefahren ist auch eine gute Alarm- und Einsatzplanung wichtig. Mit den vorhandenen Vorhersagen, Gefahrenkarten und Werkzeugen wie FLIWAS wurde hierfür eine gute Grundlage geschaffen. Damit können zukünftige Starkregen- und Hochwasserereignisse gemeinsam und vorausschauend gemanagt und deren Schadenswirkung bestmöglich abgemildert werden. Dennoch gilt der Grundsatz: Einen vollumfänglichen Schutz gegen Starkregen und Hochwasser kann und wird es nicht geben. Deshalb ist die Bewusstseinsbildung zur Eigenvorsorge ein wesentlicher Baustein zur Steigerung der kommunalen Hochwasserresilienz.
Weitere Informationen zur Strategie zum Umgang mit Hochwasserereignissen in Baden-Württemberg lesen Sie unter https://is.gd/1ptOb5
Die Darstellung der Hochwasser- und Starkregengefahren erfolgt über den öffentlichen Kartendienst UDO (Umwelt-Daten und -Karten Online) der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW). Die Karten sind abrufbar unter https://is.gd/UxU7eB
Autor
Felix Beckers ist Referent für Wasserwirtschaft im Referat Wasserbau und Hochwasserschutz, Gewässerökologie im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg.