„Routine ist entscheidend“
Es war eine Übung der Superlative, die auf Verwaltungsebene nur selten vorkommt: Rund 300 Beteiligte aus drei Landkreisen, 16 Kommunen und dem Regierungspräsidium Stuttgart probten am 8. Mai 2025 in 22 Krisenstäben den Ernstfall. Das Szenario: In den Tälern von Rems, Murr und Neckar droht Hochwasser. Ein Starkregenereignis rollt heran, die Böden sind nach langanhaltenden Regenfällen bereits gesättigt. Den Kommunen in den betroffenen Regionen ist klar, dass nur wenig Zeit bleibt, um sich auf die Gefahr vorzubereiten. Was ist zu tun? Wer macht was?
„Regelmäßig finden solche Übungen aufgrund des hohen Aufwandes nicht statt“, sagt Matthias Bloßfeld vom Regierungspräsidium Stuttgart (RPS), der die sogenannte strategische Krisenmanagementübung „Murr-Flut“ organisierte. Eine Besonderheit lag in der Struktur: „Die Verwaltungsvorschriften für Zuständigkeiten im Katastrophenschutz enden eigentlich auf der Landkreisebene. Dennoch war es uns wichtig, die kommunalen Krisenstäbe einzubeziehen“, erklärt sein Kollege Björn Henzler, Referent für Katastrophenschutz beim RPS. „Die operativ-taktische Seite, also alles, was Blaulicht auf dem Dach hat, war nicht Teil der Übung.“ Stattdessen stand die administrative Ebene im Mittelpunkt – die Arbeit der Verwaltungsstäbe, die behördenübergreifende Kommunikation und das Lageverständnis mit dem Ziel, frühzeitig handlungsfähig zu werden.
Die Kommunen konnten sich für die Übung freiwillig melden. Zumeist waren mindestens die Rathausspitzen im Vorfeld über das Szenario informiert. Die Stadt Esslingen machte daraus bewusst eine Überraschungsübung und verzichtete darauf, die Verwaltung vorab einzuweihen. Der Übung voraus ging eine umfangreiche Vorbereitungsphase. „Das kam als Wunsch auch aus den Kommunen“, erklärt Bothfeld, „dort gab es Bedürfnisse und Nachholbedarf.“ Um gezielt Handlungssicherheit zu schaffen, wurden daher vorab drei Workshops angeboten: zur Warnung der Bevölkerung, zur Stabsarbeit sowie zum Umgang mit Hochwassergefahrenkarten und wasserwirtschaftlichen Daten.

Die Übung spielte sich vor allem vor dem Bildschirm ab: Mit Wetterdaten und Hochwassergefahrenkarten wurden in Krisenstäben an verschiedenen Standorten die behördenübergreifende Koordination sowie die Warnung der Bevölkerung trainiert.
Reale Hochwasserlage verändert die Planung
Auslöser für den Probelauf war die Flutkatastrophe im Ahrtal, die bundesweit Schwachstellen im Krisenmanagement offengelegt hatte. Auch im Regierungsbezirk Stuttgart rückte die Vorbereitung auf großflächige Starkregen- und Hochwasserlagen dadurch verstärkt in den Fokus. Noch während der Planungen wurde das geplante Übungsszenario von der Wirklichkeit überholt. Ereignisse im Rems-Murr-Kreis im Jahr 2024, bei der unter anderem Rudersberg katastrophal betroffen war, zwangen die Verantwortlichen, die Übung zu verschieben. „Da holte uns die Realität ein“, erinnert sich Henzler. Zugleich habe sie das reale Ereignis im Vorhaben bestärkt – und dazu geführt, das Übungsszenario an die tatsächliche Gefahrenlage anzupassen.
Die durch das reale Hochwasser notwendige Verschiebung wurde zugleich für ein zusätzliches Austauschformat genutzt. Bei einer begleitenden Veranstaltung waren nicht nur die Übungskommunen, sondern auch alle von der tatsächlichen Hochwasserlage betroffenen Städte und Gemeinden eingeladen. Ziel sei es gewesen, das reale Ereignis aufzuarbeiten und einen behördenübergreifenden Wissens- und Erfahrungsaustausch zu ermöglichen.
Die eigentliche Übung verfolgte dann eine klare strategische Zielsetzung auf kommunaler Ebene: Gemeinden sollten stärker an die Strukturen des staatlichen Katastrophenschutzes angebunden werden. Gerade für kleinere Kommunen mit begrenztem Personal stelle dies eine besondere Herausforderung dar, betont Übungsleiter Bothfeld.
Stärken und Schwachstellen der Krisenstäbe
Trotz der Komplexität des Szenarios fiel die Bilanz der achtstündigen Übung am Ende in zentralen Punkten positiv aus. „Das Aufgaben- und Informationspensum, mit dem die Verwaltungsstäbe konfrontiert wurden, konnten die Kommunen im Großen und Ganzen bewältigen“, sagt Bothfeld. Als entscheidender Erfolgsfaktor erwiesen sich bereits vorhandene Hilfsmittel und vorbereitete Strukturen. Insbesondere Checklisten, Hochwasser-Alarm- und Einsatzpläne sowie digitale Systeme zur Lage- und Informationsarbeit hätten die Stabsarbeit deutlich unterstützt. „Diese Instrumente tragen dazu bei, Entscheidungsprozesse zu strukturieren und den Überblick in einer dynamischen Lage zu behalten“, erläutert Henzler. Das helfe, „vor die Lage zu kommen“, statt ausschließlich auf Ereignisse reagieren zu müssen.
Zwar sei es vielerorts gelungen, frühzeitig Maßnahmen einzuleiten und strategisch zu agieren, doch die Liste an Verbesserungsbedarfen fiel dennoch recht umfangreich aus. Ein zentraler Befund betraf die personelle Erfahrung in den Stäben. Nach Auswertung der Übung verfügten rund 40 Prozent der eingesetzten Stabsmitglieder über weniger als ein Jahr Erfahrung in der Stabsarbeit. Daraus lasse sich, so die Verantwortlichen, ein erheblicher Bedarf an Routine und Handlungssicherheit ableiten – Faktoren, die gerade in dynamischen Lagen als entscheidend gelten.
Deutlicher Handlungsbedarf zeigte sich zudem bei der behördenübergreifenden Kommunikation. Während der Informationsaustausch innerhalb einzelner Verwaltungsstäbe gut funktionierte, traten zwischen verschiedenen Ebenen und Organisationen spürbare Reibungsverluste auf. „Besonders auf dem Weg nach oben – von der kommunalen Ebene über die Landkreise bis hin zu Regierungspräsidium und Ministerium“, unterstreicht Henzler. Hier gingen Lageinformationen teilweise verloren. Bei kritischen Fragestellungen, etwa zur Zahl potenziell Evakuierungsbetroffener, reichte die Spannweite der gemeldeten Werte von 13.000 bis 38.000 Personen. Als Ursache wurden unter anderem unklare Informationsbedarfe und Kommunikationswege identifiziert. „Es war nicht ganz klar, welche Behörde wann welche Informationen über welchen Weg benötigt.“
Ein weiterer kritischer Punkt betraf das Lageverständnis zwischen Fachbehörden. So wurden Berichte aus der Wasserwirtschaft von Akteuren der Gefahrenabwehr teils unterschiedlich interpretiert. Die daraus entstehenden Abweichungen bergen erhebliche Risiken: „Wird die tatsächliche Bedrohungslage nicht einheitlich bewertet, könne dies dazu führen, dass Unterstützungsmaßnahmen zu spät angefordert werden – insbesondere dann, wenn überregionale Kräfte mit längeren Vorlaufzeiten erforderlich sind“, betonen die Experten vom RPS.
Auch die Stabilität kritischer Infrastruktur und mögliche Kommunikationsausfälle wurden im Rahmen der Übung betrachtet. Im Fokus standen insbesondere kritische Objekte wie Störfallbetriebe oder besonders schutzbedürftige Einrichtungen. Geprüft wurde, ob Kommunen diese identifizieren und geeignete Schutzmaßnahmen einleiten können. Ein großflächiger Stromausfall wurde jedoch bewusst nicht erprobt. Gleichwohl hätten einzelne Kommunen mögliche Versorgungs- und Netzausfälle mitgedacht.
Als vergleichsweise robust schätzt Bothfeld die vorhandenen Warn- und Kommunikationsmittel in den teilnehmenden Kommunen ein – von Sirenen über Behörden- und Digitalfunk bis hin zu Durchsagefahrzeugen und Aushängen sei vieles vorhanden, wenn auch nicht überall. „Das Problem ist nicht, dass wir keine Systeme haben. Die Möglichkeiten, die man hat, auch zu kennen, ist der entscheidende Punkt“, betont er.
In der technischen Bewertung fiel der Digitalfunk als verlässliche, jedoch nicht unbegrenzt belastbare Ressource auf. Als gemeinschaftlich genutztes System könne er zum „Nadelöhr“ werden, sagt Björn Henzler. Ergänzende Technologien wie Satellitentelefone oder Starlink-Geräte, die auch bei Stromausfällen Kommunikation ermöglichen, seien vereinzelt vorhanden, jedoch nicht verbreitet.
Krisenmanagement: Routine und Vernetzung als Schlüssel
Die Auswertung der Übung begann unmittelbar nach deren Abschluss. Zunächst wurde eine Kurzumfrage durchgeführt, im Folgemonat folgte eine deutlich umfangreichere Befragung entlang der definierten Übungsziele, um zentrale Schwerpunkte und Problembereiche zu identifizieren. Die Ergebnisse bildeten die Grundlage für interne Workshops im RPS sowie eine weitere Veranstaltung mit den beteiligten Kommunen im Dezember vergangenen Jahres. Dort wurden die Erkenntnisse vertieft und durch eine zusätzliche Umfrage ergänzt, die insbesondere den Ursachen festgestellter Schwierigkeiten nachging.
Inzwischen seien erste Lösungsansätze erarbeitet und die Learnings aus der Übung aufgearbeitet worden. Die Ergebnisse sollen den Kommunen voraussichtlich bis zum Frühjahr dieses Jahres zugänglich gemacht werden. Ein wesentlicher Fokus liege dabei auf Unterstützungsangeboten für die Kommunen sowie praxisnahen Handlungsempfehlungen.
Für Bothfeld und Henzler lassen sich gerade für Kommunen zentrale Handlungsfelder aus der Übung ableiten: „Entscheidend ist ein geschärftes Bewusstsein“, unterstreicht Björn Henzler. „Man muss sich als Verwaltung, auch wenn man eine sehr kleine mit wenig Personal ist, gedanklich damit auseinandersetzen.“ Es gehe darum, Strukturen und Abläufe nicht erst im Ereignisfall zu entwickeln, sondern sie frühzeitig in den Verwaltungsalltag zu integrieren.
Eine einheitliche Musterlösung könne es dabei kaum geben. Gemeinden seien hinsichtlich Größe, Personal und Zuständigkeiten zu unterschiedlich. Stattdessen brauche es individuelle, an die jeweilige Kommune angepasste Organisationsformen. Wesentlich sei vor allem die sogenannte Schnittstellenkompetenz – also das Wissen, wer im Krisenfall mit wem kommunizieren muss und welche Wege einzuhalten sind.
Bothfeld unterstreicht zudem die Bedeutung kontinuierlicher Probeläufe. „Das müssen nicht immer die riesengroßen Übungen sein“, sagt er. Bereits kurze, regelmäßig durchgeführte Trainings – etwa das Alarmieren und Hochfahren eines Stabes – könnten wertvolle Routine schaffen, um Abläufe zu erproben und Handlungssicherheit zu gewinnen.
Nicht zuletzt komme der Vernetzung eine zentrale Rolle zu. Der Austausch zwischen Kommunen, Fachbehörden und Einsatzorganisationen sei ein entscheidender Faktor für funktionierendes Krisenmanagement.