Schulhof der Skovbakkeskole in Odder mit spielenden Kindern
Die Skovbakkeskole in Odder, Dänemark, verbindet Schule und Kita in einer Lernumgebung, in der Bewegung und Spiel zum Alltag gehören.
© Adam Mørk/CEBRA, Aarhus

Lebensort statt Lernbetrieb

Der Sanierungsstau an Grundschulen in Baden-Württemberg ist groß. In den kommenden Jahren sollen Sondervermögen und mehr Fördermittel Kommunen dabei helfen, ihn abzubauen und Schulgebäude an zeitgemäße pädagogische Anforderungen anzupassen. Doch wie sehen überzeugende Lösungen im modernen Schulbau aus? Und wie lassen sie sich auch mit knappen Haushaltsmitteln realisieren?

„Viele Grundschulgebäude in Baden-Württemberg sind so gestaltet, dass sie nicht gerade der Lernfreude der Schülerinnen und Schüler entgegenkommen“, sagt Edgar Bohn. Der Diplom-Pädagoge ist der Vorsitzende des Grundschulverbands Baden-Württemberg. „Sie stammen oft aus den fünfziger, sechziger Jahren, die vornehmlich als Funktionsbauten konzipiert wurden.“

Mittlerweile seien die Anforderungen jedoch gestiegen. „Mit dem Ausbau des Ganztags verbringen Kinder mehr Zeit in der Schule als im Elternhaus. Das muss auch Auswirkungen auf die Gestaltung der Schulgebäude haben.“ Etwa bezüglich der Lernmöglichkeiten und der Möglichkeiten außerhalb der Gebäude. „Die Kinder können nicht den ganzen Tag eingesperrt sein.“

Moderner Schulbau: Raum als „dritter Pädagoge“

Der Grundschulverband hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Schularchitektur und Pädagogik gut zusammenwirken. Schule sollte danach Lern- und Lebensraum zugleich sein. Mit Begegnungsflächen für freie Interaktion, unterschiedlich gestalteten Lernräumen jenseits des klassischen Klassenzimmers und Rückzugsnischen. „Im Grunde geht es auch um eine Ästhetik, die einlädt. Es muss eine Stimmung entstehen, die anregt, die nicht ablehnt“, so Bohn.

Schülerin bei einer Podcastaufnahme mit einer Erwachsenen

Moderne Lernräume schaffen Platz für Begegnung, Kommunikation und kreative Formate wie Podcastaufnahmen. Foto: Romanus Fuhrmann/Die Elbtischler, Hamburg

Orientierung bietet dabei laut Bohn eine Publikation des Verbandes, die er Kommunen, die Um- oder Neubauten von Grundschulen derzeit planen, ans Herz legt. Ihr Titel lautet „Lernräume und Schularchitektur – Grundschule mit Kindern neu denken, neu planen, neu gestalten“. Sie kann kostenfrei heruntergeladen werden.

Für Kommunen als Schulträger sei darin besonders relevant, dass das Buch eigene Kapitel explizit der Ganztagsgrundschule sowie der Umgestaltung von Bestandsgebäuden widmet. „Für jede Kommune, die sich über Ergänzung oder Erweiterung Gedanken macht, kann das ein gutes Hilfsmittel sein“, unterstreicht Bohn.

Allein das Vorwort biete interessante Impulse. Es mache klar, was eine Grundschule heute brauche – und was sich gegenüber früheren Debatten verändert habe. „Die Kultur der Digitalität kommt ganz neu dazu und muss mitgedacht werden, auch in der Grundschule.“ Der Band öffne den Blick über die reine Lernfunktionalität hinaus – hin zu dem, was er die Lebensqualität nennt, die Kinder seiner Ansicht nach in einem ganztägigen Schulbetrieb benötigten.

Aus Dänemark wird darin beispielsweise die Skovbakkeskole in Odder vorgestellt – eine Schule mit „ausgeprägt menschlicher Anmutung“, die bewusst mit dem klassischen Klassenzimmer bricht. Aus Oregon in den USA wird die Trillium Creek Primary School vorgestellt, wo die Bibliothek als Herzstück der Schule konzipiert ist. Aus Kopenhagen die siebenstöckige Ørestad Skole, die auf kleinstem Grundriss errichtet wurde und als Beweis dafür gilt, dass auch räumliche Enge kein Hindernis sein muss.

Auch aus Baden-Württemberg findet sich darin ein weithin beachtetes Beispiel einer Vorzeigeschule: Die Alemannenschule in Wutöschingen. An der Gemeinschaftsschule mit Primarstufe, die nahe der Schweizer Grenze gelegen ist, lernen Kinder und Jugendliche von Klasse 1 bis 13 in niveau- und jahrgangsgemischten Gruppen. Schülerinnen und Schüler heißen dort „Lernpartnerinnen und Lernpartner“, Lehrkräfte „Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter“. 2019 wurde sie Preisträgerschule des Deutschen Schulpreises. Das Herzstück der Architekturidee bildet die sogenannte Schmetterlingspädagogik. Sie besteht aus zwei Flügeln, einer für „Selbstorganisiertes Lernen“, der andere für „Lernen durch Erleben“. Beim Konzept spielt der Raum als „dritter Pädagoge“ eine zentrale Rolle.

Offene Lernbereiche in der Alemannenschule WutöschingenRückzugsbereiche in der Alemannenschule Wutöschingen

Offene Architektur in der Alemannenschule Wutöschingen: Statt starrer Klassenzimmer prägen klar strukturierte Lernbereiche den Schulalltag, in denen Freude am Lernen und Wohlfühlen gleichrangig neben dem Wissenserwerb stehen. Fotos: Gemeinde Wutöschingen/Alemannenschule Wutöschingen

Vorbildlich und bezahlbar

Statt der üblichen Unterrichtsklassen gibt es hier klar definierte Lernbereiche: das Lernatelier als ruhiger, dezent gestalteter Individualbereich. Zudem einen bunten sogenannten Marktplatz für kooperatives Lernen im Sitzen, Liegen oder Stehen. Sogenannte Inputräume haben einen Bildschirm statt einer Tafel, zudem gibt es Coaching-Nischen für Einzelgespräche und digitale Lernräume, in denen jedes Kind ein iPad als Werkzeug nutzt. Schulbücher werden in Wutöschingen kaum mehr benutzt. Gelernt wird außerdem weit über das Schulgebäude hinaus – im Rathaus, im Proberaum des Musikvereins, auf dem Bauernhof, im Wald oder am Flüsschen Wutach. Edgar Bohn kennt die Schule gut. „Das Modell gilt derzeit als Ideal, sozusagen“, sagt er.

Jedoch bei allem Investitionsstau an den Schulgebäuden im Land gilt es für Kommunen derzeit angesichts der angespannten Finanzlage auf die Kosten zu schauen. Schulbau und Sanierung sind zwar Pflichtaufgaben der Schulträger und das Land unterstützt sie dabei über die Schulbauförderung. Zuletzt wurde dahingehend die Verwaltungsvorschrift Schulbau zum 1. Januar 2024 aktualisiert und die Förderbeträge deutlich angehoben. Doch der grundsätzliche Rahmen ist generell begrenzt. Fördermittel sind an Angemessenheitsprüfungen geknüpft. Wer heute einen Schulbau plant, orientiert sich bei der Kostenschätzung an der DIN 276. Hierbei muss das vorgesehene Raumprogramm mit Referenzmaßstäben abgeglichen werden. Wer zu weit über die vorgesehenen Standards hinausgreift, riskiert, dass Fördermittel nicht fließen.

Der Vorsitzende des Grundschulverbands stellt aber klar, dass gute Schularchitektur nicht teuer sein müsse. Dies zeige wiederum die Schule in Wutöschingen. Das Mobiliar sei hier etwa individuell von ortsansässigen Schreinereien hergestellt worden, die sich als nicht teurer herausstellten als Katalogmöbel. Entscheidend sei für ihn nicht das Budget, sondern die Haltung. Auch die Lernräumepublikation berichte von einer ganzen Reihe von Schulen, die pädagogisch auf der Höhe der Zeit seien, ein gutes Ambiente vorweisen und dennoch in einem normalen Kostenrahmen geblieben seien.

Es gebe seiner Erfahrung nach generell gute Möglichkeiten im Bau zu sparen, die oft nicht genutzt werden. In Wutöschingen gebe es beispielsweise keine separaten Erwachsenentoiletten, Schülerschaft und Lehrkräfte nutzen dieselben. Dafür seien diese hochwertiger gestaltet. Dies führe zudem dazu, dass es in der Toilette keine Schmierereien oder sonstigen Vandalismus gebe. Dass es dazu nicht kommt, erklären Experten damit, dass mit einer schönen Gestaltung auch Verantwortung einhergeht: „Wenn man darauf achtet, dass alles gut aussieht und in Ordnung ist, dann achten auch die Schülerinnen und Schüler drauf“, erklärt der Pädagoge. Die Qualität der Umgebung forme das Verhalten der Kinder – nicht umgekehrt.

Kritisch blickt Bohn allerdings auf die Fördersystematik selbst. Ein strukturelles Problem sieht er darin, dass Mittel oft nur für Neubauten fließen, nicht aber für Umbauten – obwohl Letztere häufig die klügere und günstigere Lösung wären. „Da wäre eine gewisse Spielbreite und Freiheit bei den Behörden sicher hilfreich“, sagt er. Nicht zuletzt, um Steuergelder zu schonen.

Grüne Lernnische der Skovbakkeskole in OdderOffene Lernlandschaft der Trillium Creek Primary School in OregonBewegungs- und Lernzone der Public School GO auf dem Campus Zottegem

Drei weitere Beispiele für zeitgemäße Grundschularchitektur: Die Skovbakkeskole in Odder, Dänemark, vereint Schule und Kita in einer Lernumgebung, in der Bewegung und Spiel zum Alltag gehören (Bild Mitte). Die Trillium Creek Primary School in West Linn, Oregon, setzt auf schülerzentrierte Räume und die enge Verzahnung mit dem umgebenden Naturgelände (Bild links). In der belgischen Public School GO! auf dem Campus Zottegem sind Zonen für konzentriertes Arbeiten, Zusammenarbeit und freie Bewegung über eine Röhrenrutsche miteinander verbunden. Fotos: Kim Wendt/Rosan Bosch Studio; Arcadis/IBI Group; Adam Mørk/CEBRA, Aarhus

Auch bei der Förderung des Ganztags sieht er Luft nach oben: „Die verfügbaren Mittel reichen oft nicht aus, um wirklich lernförderliche Umgebungen zu schaffen.“ Zudem stehe auch hier oft noch zu sehr der Funktionsgedanke aus vergangener Zeit im Vordergrund. Was fehle, sei der Blick auf das Ganze: auf eine Schule als Lebensort, nicht nur als Lernbetrieb.

Mit dem Startchancen-Programm des Bundes, das auf zehn Jahre angelegt ist und an dem sich das Land Baden-Württemberg beteiligt, seien immerhin derzeit mehr Mittel verfügbar als zuvor. Dies sei ein Schritt in die richtige Richtung. Ob die Mittel allerdings generell ausreichen, um Kindern künftig flächendeckend gute Bedingungen in Baden-Württemberg zu bieten, müsse sich laut Bohn erst noch zeigen. Beispiele wie die Gestaltung aussehen könnte, gibt es jedenfalls genug.