„Ich spreche lieber über Teilhabe als Inklusion“
Die Gemeinde Keltern im Enzkreis gilt unter Fachleuten und in der Kommunalpolitik des Landes schon lange als Vorbild für Inklusion. Bürgermeister Steffen Bochinger, der seit 2013 im Amt ist, erinnert sich noch gut an den Ausgangspunkt dieser Erfolgsgeschichte. „Damals war ich im Rahmen meines Wahlkampfes bei einem Fußballfest eines schwerkranken Jungens aus Keltern, das er zusammen mit dem Verein Sterneninsel organisierte.“ Er sei ein leidenschaftlicher Fußballfan gewesen, wie Bochinger auch, der in der deutschen Fußballnationalmannschaft der Bürgermeister kickt.
Dieses Schicksal, aber auch dieser Lebensmut hat ihn dazu bewogen, sich mit Inklusion zu befassen. Seither war für seine Agenda klar: Menschen mit Beeinträchtigung gibt es in Keltern wie überall, sie gehören zur Gemeinde und sollen es auch spüren. Seine Frau hatte zudem lange im Integrationsamt gearbeitet und ihn schon zuvor für das Thema sensibilisiert.
Inklusionsvermittlung: Teilhabe als kommunale Haltung
Ein früher Meilenstein war laut Bochinger dann auch, als die Lebenshilfe Pforzheim-Enzkreis Gewerbeflächen für eine Werkstatt suchte. Hier entschied sich der Kelterner Gemeinderat, ihr zwei Bauplätze im Gewerbegebiet Damfeld zu verkaufen – obwohl die Lebenshilfe als Betreiberin einer Behindertenwerkstatt keine Gewerbesteuer zahlt. „Wir haben gesagt: All unsere Bürgerinnen und Bürger brauchen die Möglichkeit, eine Arbeitsstelle zu finden, auch wenn sie im regulären Arbeitsmarkt nicht tätig sein können“, erinnert er sich.
Auch in der Kelterner Verwaltung ist diese Haltung zentral. Das zeigt sich etwa darin, dass es hier sogenannte Inklusionsvermittlerinnen gibt. Eine davon ist Sabrina Bogner-Rudolf. Sie teilt sich seit 2021 offiziell eine Stelle als kommunale Inklusionsvermittlerin (KIV) mit einer Kollegin. Befasst hat sie sich mit der Thematik schon früher – nämlich 2018, als sich fünf Kelterner Bürgerinnen und Bürger im Rahmen eines neuen Leitbildprozesses der Gemeinde zusammenfanden, um das Thema Inklusion aktiv voranzutreiben. „Ich spreche mittlerweile viel lieber über Teilhabe und Kinderrechte als über Inklusion“, betont Bogner-Rudolf. „Weil es dann direkt klar ist, worum es geht: Dass alle Menschen die gleichen Rechte haben.“
Ihre Tätigkeit als Inklusionsvermittlerin ist umfangreich: Bogner-Rudolf vernetzt unter anderem betroffene Familien, Einrichtungen und Vereine und sorgt dafür, dass Menschen mit Einschränkungen bei kommunalen Planungen mitgedacht werden. Sie berät etwa die Gemeindeverwaltung bei Bauvorhaben. In Keltern würden inzwischen keine Pflastersteine mehr verlegt, sondern großformatige Platten, die für Rollstühle und Rollatoren problemlos befahrbar sind. Auch abgesenkte Bordsteine an Querungsstellen und taktile Leitstreifen zur Orientierung für sehbehinderte Menschen gehören mittlerweile zum Standard, wenn etwas neu gebaut wird.
Für sie persönlich ist das keine neue Rolle. Als Kindergartenleiterin hat sie Inklusion schon immer gelebt. „Ich habe richtig gute Leute in meinem Team. Gute Kindergartenarbeit gründet immer auf Kinderrechten, da ist die Teilhabe aller selbstverständlich“, betont sie.
Eines der sichtbarsten Projekte in Keltern ist der inklusive Waldkindergarten, dessen Leiterin Bogner-Rudolf ist. Was ihn auszeichnet, ist weniger ein besonderes Programm als eine Grundhaltung: Alle Kinder gehören dazu – ohne Wenn und Aber. Beispielsweise ist hier das Konzept der unterstützten Kommunikation selbstverständlich, sodass Kinder, die nicht oder kaum sprechen, trotzdem vollständig am Alltag teilhaben können. „Jede Familie, deren Kind vielleicht kein Deutsch spricht oder gebärdet, weiß: Wir gehen da hin, weil wir hier verstanden werden“, erklärt Bogner-Rudolf. Im Enzkreis und darüber hinaus ist der Waldkindergarten bekannt für dieses Angebot.
Kommunale Inklusionsvermittlung braucht starke Strukturen
Finanziert wird ihre Stelle als KIV unter anderem durch das offizielle Programm für Kommunale Inklusionsvermittlerinnen und -vermittler. Es wurde 2014 im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald entwickelt. Seit 2021 ist auch der Enzkreis dabei. Heute ist das Modell in neun Landkreisen in Baden-Württemberg vertreten, mit rund 70 aktiven KIV. Gefördert wird es vom Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration aus Landesmitteln sowie von den beteiligten Landkreisen. Für Bogner-Rudolf ist besonders das Fortbildungsangebot wertvoll: „Wir sind dadurch sehr gut vernetzt und gut ausgebildet. Der Austausch im KIV-Netzwerk ist enorm hilfreich.“ Auf eine dreitägige Basisschulung folgten regelmäßige Fortbildungstage und Netzwerktreffen.
Allerdings, das betont auch der Bürgermeister, werden durch die Förderung gerade mal drei Stunden pro Woche ihrer Tätigkeit abgedeckt. Das ist für eine Aufgabe, die alle Lebensbereiche betrifft – Kindergarten, Schule, Wohnen, Arbeit, Freizeit – strukturell zu wenig. Zudem läuft das Programm bereits dieses Jahr aus. „Ich gehe davon aus, dass es in Keltern automatisch weitergeht, auch wenn das Fördergeld irgendwann ausläuft“, sagt Bogner-Rudolf. „Weil wir an einem Punkt sind, wo man nicht einfach wieder aufhören kann.“
Auch der Bürgermeister ist da zuversichtlich. „Das Geld dafür gibt es. Ein Mensch mit Behinderung, der inklusiv beschult wird, kostet beispielsweise die Gesellschaft nicht mehr als jemand im Sondersystem, also etwa in einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum“, betont er. Kinder mit Behinderung hätten gesetzlichen Anspruch auf Leistungen wie Schulbegleitung oder Eingliederungshilfe. Das Problem sei, dass diese Mittel im Sonderschulsystem seit jeher selbstverständlich fließen, während sie, wenn sie Regelschulen besuchen, mühsam zwischen verschiedenen Trägern koordiniert werden müssten. „Sobald das Geld nicht mehr aus dem gewohnten Topf kommt, heißt es schnell: Wir haben kein Budget. Dabei ist es da.“
Wie alle Kommunen steht auch Keltern unter erheblichem Haushaltsdruck. Bochinger sieht bei der schwierigen Finanzierung der Inklusion eine strukturelle Mitverantwortung beim Land. Das gelte besonders im Bereich Schule: Das Land schreibe inklusive Beschulung gesetzlich vor, stelle den Lehrkräften aber nicht die nötigen Mittel und Werkzeuge zur Verfügung, um das auch umzusetzen. „Die Lehrer sehen den Berg, wissen aber nicht, wie sie ihn abtragen sollen.“ Seine Forderung ist klar: Wer gesetzliche Pflichten schafft, muss auch das nötige Handwerkszeug mitliefern – also Fortbildungen, Begleitung und konkrete, auch finanzielle, Unterstützung für Schulen.
Für Kommunen, die das Thema Inklusion angehen und kommunale Inklusionsvermittlerinnen und -vermittler engagieren möchten, hat Bogner-Rudolf einen klaren Rat: „Ich würde immer empfehlen, jemanden zu nehmen, der schon bei der Kommune arbeitet und die Verwaltung kennt. Weil man dann weiß, wer für was zuständig ist.“ Das helfe, auf das Thema aufmerksam zu machen.
Für den Rathauschef ist vor allem der politische Wille entscheidend. Ist der da, dann wäre vieles möglich. Schließlich müssten „viele Räder ineinandergreifen. Und ich bin froh, dass mein Gemeinderat mitgeht.“
Sabrina Bogner-Rudolf verfolgt mit ihrer Aufgabe ein langfristiges Ziel: „Ich gehe davon aus, dass wir irgendwann nicht mehr gesondert über Inklusion sprechen müssen. Weil es einfach irgendwann normal ist, sie mitzudenken.“ Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Aber Keltern zeigt, dass man ihn gehen kann.


Bürgermeister Steffen Bochinger und Inklusionsvermittlerin Sabrina Bogner-Rudolf haben Keltern gemeinsam zu einer Vorbildgemeinde in Sachen Inklusion gemacht. Fotos: Gemeinde Keltern
Weitere Informationen:
https://www.kivnetzwerk.de