Wenn Pflege auf Klimaschutz trifft
Wenn im Sommer die Temperaturen über 35 Grad klettern, wird aus einer Wettervorhersage eine Pflegefrage. In Altenpflegeeinrichtungen müssen Mitarbeitende improvisieren: Räume abdunkeln, Trinkpläne aufstellen, besonders vulnerable Bewohnerinnen und Bewohner engmaschig überwachen. Manche Einrichtungen investieren in mobile Kühlgeräte: Kurzfristig ist dies verständlich, langfristig jedoch teuer und klimapolitisch kontraproduktiv. Die sommerliche Überhitzung von Pflegeeinrichtungen ist kein Randthema mehr. Sie zeigt exemplarisch, wie eng Pflege, Gesundheitsversorgung und Klimaanpassung heute zusammenhängen.
Für Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg ist das unmittelbar relevant. Denn die soziale Infrastruktur – Pflegeheime, Einrichtungen der Eingliederungshilfe, Kitas, Beratungsstellen – steht in kommunalen Sozialräumen. Ihre Funktionsfähigkeit entscheidet mit darüber, ob Daseinsvorsorge vor Ort gelingt. Allein die kirchlichen Wohlfahrtsverbände vertreten in Baden-Württemberg rund 10.000 Einrichtungen und Dienste mit über 410.000 Beschäftigten. Wenn diese Infrastruktur unter Druck gerät – durch steigende Energiekosten, Sanierungsstau oder klimabedingte Zusatzbelastungen – spüren das auch die Kommunen.
Pflege und Klimaschutz: Strukturelle Hürden statt fehlender Motivation
An Problembewusstsein fehlt es nicht. Viele soziale Träger wollen nachhaltiger wirtschaften, energetisch sanieren und Hitzeschutzkonzepte umsetzen. Die Hürden liegen woanders – in Finanzierungslogiken, die kurzfristig denken, in fragmentierten Zuständigkeiten und in einem System, das nachhaltige Investitionen bislang nicht ausreichend belohnt.
Ein Beispiel macht das greifbar: Lebenszykluskosten. Wer ein Pflegeheim baut oder saniert, steht vor Dutzenden Entscheidungen: zentrale oder dezentrale Lüftung, ökologische oder konventionelle Dämmstoffe, langlebige oder günstige Bodenbeläge. Die Investitionskosten unterscheiden sich teilweise erheblich. Betrachtet man jedoch den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes – also Bau, Betrieb, Wartung, Instandsetzung und Rückbau – zeigt sich häufig: Die auf den ersten Blick teurere Variante ist auf die Gesamtnutzungsdauer gerechnet die günstigere. Eine zentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung etwa verursacht höhere Anfangsinvestitionen, spart aber über Jahrzehnte bei Wartung und Energie. Die Betriebskosten eines Gebäudes übersteigen die Herstellungskosten im Laufe der Nutzung um ein Vielfaches.
Das Problem: Die gängigen Refinanzierungslogiken bilden das nicht ab. Wer heute in energetische Qualität investiert und dadurch morgen Betriebskosten senkt, riskiert im bestehenden System sogar niedrigere Vergütungssätze. Nachhaltig bauen wird damit bestraft statt belohnt – ein Paradox, das weder Kommunen noch Sozialverbände allein auflösen können.
DiNiS: Gemeinsam statt gegeneinander
Genau an dieser Stelle setzt das Dialognetzwerk Nachhaltigkeit in der Sozialwirtschaft – kurz DiNiS – an, das seit Anfang 2024 in Baden-Württemberg aktiv ist. Die Grundidee: Die Akteure, die im Alltag oft in getrennten Zuständigkeiten und Finanzierungslogiken arbeiten, an einen Tisch bringen und gemeinsam nach pragmatischen Lösungen suchen. Am Tisch sitzen Vertreterinnen und Vertreter aus Landesministerien, Kommunalen Landesverbänden, dem KVJS, Pflegekassen, Wohlfahrtsverbänden und sozialen Trägern.
In Design-Thinking-Workshops wird analysiert, wo die strukturellen Blockaden liegen – und was es braucht, um sie zu lösen. Dabei geht es um sehr konkrete Fragen: Wie können sich die Beteiligten auf gemeinsame Standards für nachhaltige Sozialimmobilien einigen? Wie lassen sich Refinanzierungsmodelle entwickeln, die Investitionen in die Zukunft der Daseinsvorsorge ermöglichen, ohne dass dabei entweder die Kommunen oder die Sozialverbände finanziell überfordert werden? Und wie kann man Investitions- und Betriebskosten endlich zusammendenken statt gegeneinander auszuspielen?
Ein zentrales Ergebnis des bisherigen Prozesses ist der Aufbau eines Kompetenzbündnisses Nachhaltigkeit, das die relevanten Akteure dauerhaft vernetzt. Denn eines wurde in den Workshops schnell deutlich: Weder Kommunen noch Land, weder Kostenträger noch Sozialwirtschaft können die Herausforderungen im Alleingang bewältigen. Abgestimmte Strategien, gemeinsame Zielbilder und verlässliche Kommunikationswege sind Voraussetzung dafür, dass etwa kommunale Wärmeplanung und die energetische Ertüchtigung sozialer Einrichtungen ineinandergreifen.
Warum sich Kommunen einbringen sollten
Für Städte und Gemeinden ist das DiNiS aus einem einfachen Grund interessant: Es adressiert Probleme, die kommunale Haushalte direkt betreffen. Steigende Energiekosten für soziale Infrastruktur, wachsender Investitionsbedarf bei Sozialimmobilien, die häufig älter als 40 Jahre sind, zunehmende Anforderungen an Hitzeschutz und Klimaanpassung in der Pflege – all das lässt sich nicht aufschieben, und es lässt sich nicht sektorenweise lösen.
Gleichzeitig liegt in der Zusammenarbeit eine echte Chance: resilientere Versorgungsstrukturen, langfristig sinkende Betriebskosten und eine soziale Infrastruktur, die auch unter veränderten klimatischen Bedingungen funktioniert. Das DiNiS versteht sich nicht als einmaliges Projekt, sondern als fortlaufender Entwicklungsprozess. Kommunen, die die Zukunft ihrer sozialen Daseinsvorsorge aktiv mitgestalten wollen, sind eingeladen, sich einzubringen.
Autor

Inci Wiedenhöfer ist im Kompetenzteam Nachhaltigkeit und Klimaschutz sowie Menschenrechtsbeauftragte des Caritasverbands der Diözese Rottenburg-Stuttgart