„Kommunen und Sportvereine sind starke Partner“
Ob beim Kinderturnen, auf dem Bolzplatz oder beim Seniorensport: Sportvereine sind in vielen Städten und Gemeinden Orte, an denen Menschen ganz selbstverständlich zusammenkommen. Genau darin liegt eine große Chance für Inklusion.
Im Sport begegnen sich Menschen mit den verschiedensten Hintergründen freiwillig, weil sie derselben Leidenschaft nachgehen und Teil einer Gemeinschaft sein möchten. Wer gemeinsam trainiert, schwitzt, gewinnt und verliert, lernt sich auf einer persönlicheren Ebene kennen. Berührungsängste werden abgebaut, Freundschaften entstehen und Vielfalt wird selbstverständlich.
Gleichzeitig ist Inklusion im Sport kein Selbstläufer. Noch immer braucht es mehr barrierefreie Sportstätten, inklusive Angebote, qualifizierte Übungsleitende und starke Netzwerke vor Ort. Viele Vereine möchten sich öffnen, wissen aber nicht genau, wie sie beginnen sollen oder stoßen im Alltag schnell an organisatorische, finanzielle oder personelle Grenzen. Genau an dieser Stelle wird die Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Sportvereinen entscheidend.
Zusammen mehr erreichen
Kommunen schaffen wichtige Rahmenbedingungen: Sie verantworten Sportstätten, gestalten Sozialräume, koordinieren Netzwerke und setzen Impulse für Teilhabe vor Ort. Sportvereine wiederum bringen das ehrenamtliche Engagement, die praktische Erfahrung und die direkte Nähe zu den Menschen mit. Dort, wo beide Seiten gemeinsam handeln, entstehen nachhaltige inklusive Strukturen.
Von inklusiven Sportangeboten profitieren nicht nur Menschen mit Behinderung. Sie stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt, schaffen Begegnungen im Quartier und fördern das ehrenamtliche Engagement. Sportvereine erreichen Menschen oft niedrigschwelliger als viele andere Angebote und schaffen wichtige Begegnungsräume.
Entscheidend sind dabei nicht nur einzelne Projekte oder Veranstaltungen. Vielmehr braucht es die gemeinsame Haltung, Inklusion als selbstverständlichen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens mitzudenken. Sport kann dabei ein Türöffner sein – niedrigschwellig, emotional und gemeinschaftlich.
Wie erfolgreich solche Kooperationen sein können, zeigt beispielsweise der SV Vollmaringen im Landkreis Calw.
Gemeinsam mit der Kommune und weiteren Partnern entstand dort ein inklusiver Spielplatz direkt am Sportgelände. Ein Ort, an dem Kinder mit und ohne Behinderung selbstverständlich gemeinsam spielen. Zudem waren bei diesem Projekt von Beginn an Menschen mit Behinderung in der Konzeption beteiligt. Das Beispiel zeigt eindrucksvoll: Inklusion endet nicht an der Hallentür oder am Spielfeldrand. Sie betrifft den gesamten Sozialraum.
Gerade im Ländlichen Raum sind Sportvereine oft einer der wenigen Orte, an denen Menschen regelmäßig zusammenkommen. Wenn Inklusion hier gelingt, entsteht gelebte Gemeinschaft.
In Baden-Württemberg leben rund 953.000 Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung¹. Das entspricht ungefähr jedem zwölften Menschen im Land. Diese Zahlen machen deutlich: Inklusion ist kein Nischenthema. Sie betrifft unsere gesamte Gesellschaft und damit auch unsere Städte, Gemeinden und Vereine.
Viele Kommunen und Sportvereine haben sich bereits auf den Weg gemacht. Es entstehen inklusive Sportgruppen, barrierefreie Bewegungsangebote, Kooperationen mit Einrichtungen der Behindertenhilfe oder gemeinsame Veranstaltungen für Menschen mit und ohne Behinderung. Gleichzeitig zeigt sich, welche gesellschaftliche Bedeutung Sportvereine heute bereits haben. Mit über 29 Millionen Mitgliedschaften² ist der organisierte Sport die größte Bürgerbewegung Deutschlands. In Baden-Württemberg sind rund 4,3 Millionen Menschen in 11.219 Vereinen aktiv. Damit sind mehr als 37 Prozent der Baden-Württemberger*innen Mitglied in einem Sportverein.
Forum Sport und Inklusion
Die Vereine übernehmen vielerorts wichtige soziale Aufgaben – von Integration über Gesundheitsförderung bis hin zur Inklusion. Der aktuelle Sportentwicklungsbericht³ macht jedoch auch deutlich, dass viele Vereine zunehmend unter Druck stehen: Ehrenamtliche Strukturen geraten an Belastungsgrenzen, der Sanierungsbedarf bei Sportstätten wächst und vielerorts fehlen personelle sowie finanzielle Ressourcen. Umso wichtiger sind verlässliche Partnerschaften zwischen Kommunen, organisiertem Sport und weiteren gesellschaftlichen Akteuren.
Der Württembergische Landessportbund (WLSB) arbeitet gemeinsam mit Kommunen, Vereinen und weiteren Partnern daran, inklusive Strukturen weiterzuentwickeln und gute Praxis sichtbar zu machen. Wie wichtig dieser Austausch ist, zeigte auch das Forum Sport und Inklusion 2025 in Stuttgart. Unter dem Leitgedanken „Von der Kommune in den Verein – und zurück“ stand dort insbesondere die Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Sportvereinen im Mittelpunkt. Vertreterinnen und Vertreter aus Verwaltung und organisiertem Sport tauschten sich über konkrete Herausforderungen und Lösungsansätze aus.
Denn Inklusion entsteht nicht durch einzelne Zuständigkeiten, sondern vor allem dort, wo Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen. Dafür braucht es Austausch auf Augenhöhe. Kommunen können in der Sportstättenplanung, Vereinsförderung und Quartiersentwicklung wichtige Impulse für Teilhabe setzen. Sportvereine wiederum können gesellschaftliche Herausforderungen nicht allein stemmen. Aber gemeinsam können beide Seiten viel bewegen.
Inklusion gelingt besonders dort, wo Menschen nicht zuerst auf Defizite schauen, sondern auf Möglichkeiten. Der organisierte Sport bringt dafür beste Voraussetzungen mit: Teamgeist, Gemeinschaft und Ehrenamt. Kommunen können diese Prozesse gezielt fördern, moderieren und langfristig absichern.
Die Frage ist längst nicht mehr, ob Inklusion im Sport funktionieren kann. Vielmehr zeigt sich vielerorts, dass sie funktioniert – wenn Menschen gemeinsam anpacken. Oder anders gesagt: Inklusion beginnt selten mit perfekten Konzepten. Sie beginnt dort, wo Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen, pragmatische Lösungen finden und einfach machen.
Weitere Informationen
Quellen
¹ Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Schwerbehindertenstatistik 2023.
² Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB), Mitgliederbestandserhebung 2025.
³ Sportentwicklungsbericht 2023–2025, Teil 1 (veröffentlicht 2024).
Autor

Alexander Fangmann ist seit 2018 Sport-Inklusionsmanager beim Württembergischen Landessportbund (WLSB). Er berät Vereine und Verbände in Sachen Inklusion im und durch Sport. Daneben ist er selbst aktiv als Blindenfußballer beim MTV Stuttgart und Kapitän der Deutschen Blindenfußball-Nationalmannschaft.