Zusammen wachsen
Interkommunale Wirtschaftsförderung über Landkreisgrenzen hinweg: Dauchingen, Deißlingen und Niedereschach haben vieles gemeinsam. Geografisch unmittelbar aneinander angrenzend und in etwa auf halber Strecke zwischen Stuttgart und dem Bodensee gelegen, gehören die drei Kommunen zu zwei Landkreisen der Raumordnungsregion Schwarzwald-Baar-Heuberg: Dauchingen mit rund 3.900 Einwohnerinnen und Einwohnern sowie Niedereschach mit rund 6.000 Einwohnerinnen und Einwohnern sind dem Schwarzwald-Baar-Kreis zugeordnet, während Deißlingen, das circa 6.000 Einwohnerinnen und Einwohner hat, zum Landkreis Rottweil gehört.
Wesentliche Standortfaktoren, die in allen Kommunen vergleichbar sind, bestehen in der guten Anbindung an die Autobahn A 81 sowie die Bundesstraße B 27. Außerdem sind die Wege zu den Kreisstädten Villingen-Schwenningen, das zugleich Oberzentrum ist, und Rottweil kurz. Zudem liegt in den drei Kommunen eine ähnliche Wirtschaftsstruktur vor: Prägend sind Industrie und Handwerk, vor allem in der Metallverarbeitung, etwa mit Drehereien und Fräsereien, die in überregionalen Zulieferketten eingebunden sind. Zugleich finden sich hier Unternehmen der Kunststoffverarbeitung, etwa Spritzereien und Unternehmen zum Formenbau, die teils eine enge Anbindung an die Elektroindustrie auszeichnet. Daneben sichern Handwerksunternehmen aller Gewerke die Nahversorgung und stärken lokale Wirtschaftskreisläufe.
Allgemeine Trends wie der Strukturwandel im Automotive-Sektor, verkürzte Innovationszyklen, besonders in der Informations- und Kommunikationstechnologie, allgemeine Preisanstiege und Personalmangel machen sich auch vor Ort bemerkbar und üben Druck auf die Unternehmen aus. Dazu kommen sie zunehmend beschäftigende Themen wie Finanzierung, Steuerwesen und rechtliche Anforderungen, zumal letztere dynamisch sind und auf mehreren Ebenen festgelegt werden – von Landkreisen bis zur EU.
Aufgrund dieser sich verändernden Rahmenbedingungen wird kommunale Wirtschaftsförderung zunehmend komplexer und erfordert vielfältige Kompetenzen, oft auch von externen Partnern. Zugleich sind die Ressourcen dafür jedoch begrenzt.
Interkommunale Wirtschaftsförderung: der EGON-Ansatz
Um den Herausforderungen besser zu begegnen und aufgrund der ähnlichen wirtschaftlichen Strukturen sowie der räumlichen Nähe, entschlossen sich die drei Kommunen bereits seit etwa zehn Jahren für eine interkommunale Zusammenarbeit. Sie ist auch dem kooperativen Verhältnis der Bürgermeister Torben Dorn, Ralf Ulbrich und Martin Ragg zu verdanken, die die Existenzgründungsoffensive Neckar-Eschach, kurz EGON, ins Leben riefen.

Die an EGON beteiligten Gemeinden wurden vom Wirtschaftsministerium als gründungsfreundliche Kommunen ausgezeichnet.
Im Jahr 2022 wurde aufgrund einer zunehmenden Vielfalt und Komplexität der Aufgaben eine neue Organisationsstruktur eingesetzt. Seitdem ist das Steinbeis-Transferzentrum „Wirtschaft, Gründung, Kommune“ aus Villingen-Schwenningen mit dem Management von EGON beauftragt. Die Auslagerung erwies sich schnell als vorteilhaft: Es stehen sechs Expertinnen und Experten des Transferzentrums bereit, die je nach Thema gezielt einbezogen werden. Das interdisziplinäre Team deckt Qualifikationen aus Wirtschaftsingenieurwesen, Exportökonomie, Politikwissenschaft, Soziologie, Informatik, Bilanzbuchhaltung und dem Handwerk ab.
Durch die Vielfalt an Expertise können die meisten Themen eigenständig bearbeitet werden. Im Bedarfsfall werden externe Netzwerkpartner hinzugezogen, beispielsweise aus dem Steinbeis-Verbund. Diese verschiedenen Perspektiven helfen dabei, die mitunter unterschiedlichen Interessen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in den drei Kommunen besser zu verstehen. So können sie in Entscheidungs- und Verhandlungsprozesse einfließen, wie es das Konzept der Local Governance vorsieht – also ein Ansatz, bei dem verschiedene Akteure gemeinsam zum Wohl der Gemeinschaft an politischen Entscheidungen mitwirken.
Vision und Konzept des EGON-Wirtschaftsraums
Das neue Konzept steht für einen innovativen Denk- und Handlungsansatz, der sich besonders in der Idee eines eigenen Wirtschaftsraums zeigt. Dieser Wirtschaftsraum ist nicht nur ein Symbol für die gemeinsamen Ziele, Werte und die Identität der drei Kommunen und ihrer Unternehmen. Er soll auch helfen, alte Denkmuster zu überwinden – etwa die Betonung von Unterschieden zwischen Landkreisen, das Festhalten an separaten Verwaltungseinheiten oder einseitiges Konkurrenzdenken. Der EGON-Wirtschaftsraum versteht sich damit als Brücke: Er setzt auf Zusammenarbeit statt Abgrenzung.
Das Konzept basiert auf drei Säulen: Unterstützung von Existenzgründungen, Förderung und Begleitung bestehender Unternehmen sowie allgemeine Wirtschaftsförderung durch PR und Standortmarketing. So zielt EGON auf eine nachhaltige Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Um dieses Ziel anzusteuern, fanden im Jahr 2022 zunächst informelle Gruppengespräche, Unternehmensbesuche und Besprechungen mit den Bürgermeistern statt, um Herausforderungen und Erwartungen von Wirtschaft und Verwaltung zu erfassen. Eine standardisierte Unternehmensbefragung diente dazu, die Bedarfe systematisch zu ermitteln. Anhand der Ergebnisse wurden Handlungsfelder definiert und Empfehlungen abgeleitet, um die Wirtschaftsförderung gezielt auszurichten. Die Ergebnisse und Empfehlungen wurden in den drei Gemeinderäten vorgestellt, um im Sinne von Good Local Governance Transparenz hinsichtlich des Vorgehens und des Ressourceneinsatzes herzustellen. Inzwischen haben die drei Gemeinderäte die Fortführung der Kooperation mit Steinbeis beschlossen.
Handlungsfelder und Ausblick
Anhand der Unternehmensbefragung, an der sich 56 Unternehmen beteiligten, haben sich drei Handlungsfelder als besonders relevant erwiesen: Viele Unternehmen streben nach (mehr) lokaler Vernetzung und Kooperation und waren über diesbezügliche Möglichkeiten beziehungsweise Partner unzureichend informiert. Daher werden nunmehr regelmäßig Unternehmertreffen mit wechselnden Schwerpunktthemen angeboten, um lokale Projekte und Wertschöpfung im gesamten Wirtschaftsraum zu fördern. Übergeordnetes Ziel dieses Handlungsfeldes ist die Schaffung beziehungsweise Stärkung einer diversifizierten, krisenfesten Wirtschaftsstruktur.
Weitere Informationen
Weitere Informationen zu den Steinbeis-Transferzentren, die den Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis fördern, finden Sie unter www.steinbeis.de.
Weitere Informationen zu EGON unter www.starten-mit-egon.de.
Als weiteres zentrales Thema hat sich die Einführung beziehungsweise die Ausweitung digitaler Prozesse erwiesen, die den Befunden zufolge jedoch häufig durch die bisherige Internetanbindung gehemmt wurde. Da der EGON-Wirtschaftsraum zwei Landkreise umfasst, war hier eine einheitliche Verbesserung zunächst komplex, dennoch wurde zeitnah ein leistungsfähiges Glasfasernetz bereitgestellt.
Auch die Personal- und Nachwuchsgewinnung fordert viele Unternehmen heraus. Um Ausbildung zu fördern, wurde das Projekt „EGON-Circle“ aufgesetzt, das Unternehmen mit dem Nachwuchs vernetzt.

Der „EGON-Circle“ vernetzt Unternehmen mit dem Nachwuchs.
Ergänzend werden exemplarisch in Kooperation mit der Agentur für Arbeit unter anderem Geflüchtete in den Arbeitsmarkt integriert. Der ganzheitliche Ansatz von EGON ist ambitioniert: Er will nicht nur die Wirtschaft stärken, sondern auch Lebensqualität und Standortattraktivität fördern. Dadurch entstehen unterschiedliche Interessen, die ausgehandelt werden müssen. Künftig gilt es zudem, neue Handlungsfelder zu priorisieren und umzusetzen. Auch technologische Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz werden den Wirtschaftsraum prägen. Dank einer Local-Governance-Struktur aus Bürgermeistern, Gemeinderäten und EGON-Team ist EGON jedoch gut aufgestellt – getragen von Weitblick, Kooperation und Pragmatismus.
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