Gegen Extreme gerüstet
Niedernhall im Hohenlohekreis hat 4.200 Einwohnerinnen und Einwohner, wir sind ein Gewerbe- und Schulstandort. Die beiden wichtigsten Gewässer in unserem Gebiet sind der Kocher, ein Nebenfluss des Neckars, und der Forellenbach. Für den Kocher als Gewässer erster Ordnung liegt die Zuständigkeit beim Land, für den Forellenbach ist die Gemeinde verantwortlich.
2016 kam es bei einem Starkregenereignis zu einem massiven Anstieg des Forellenbachs. Die Folge war eine Sturzflut, die Geröll und Schlamm in die Stadt spülte. Es entstanden Schäden in Millionenhöhe. Nach dieser Überschwemmung nahmen wir umfassende Hochwasserschutzmaßnahmen am Kocher und am Forellenbach in Angriff, um uns in Zukunft besser vor Extremwetterereignissen schützen zu können.
Starkregen und Hochwasser
Starkregen und Hochwasser unterscheiden sich deutlich voneinander. Im Gegensatz zum Hochwasser kann Starkregen überall auftreten, unabhängig davon, ob sich Gewässer in der Nähe befinden. Von Starkregen spricht man laut Deutschem Wetterdienst, wenn es lokal begrenzt intensiv regnet, und zwar mehr als 15 Millimeter pro Stunde oder mehr als 20 Millimeter in sechs Stunden. Ein Starkregenereignis ist schwer vorherzusehen; häufig entsteht es im Zusammenhang mit einem Gewitter. Darüber hinaus birgt es ein schwer kalkulierbares Überschwemmungsrisiko.
Hochwasser dagegen sind Ereignisse, die meist durch langanhaltende und großräumige Niederschläge oder auch durch Schneeschmelze entstehen. Die entstehenden Wassermassen sammeln sich in den Flüssen und führen schließlich zu Überschwemmungen.
Ein Starkregenereignis führte 2016 in Niedernhall zu einer Sturzflut. Dabei entstanden Schäden in Millionenhöhe. Foto: Stadt Niedernhall
Die Sturzflut spülte Geröll und Schlamm in die Stadt. Foto: Stadt Niedernhall
Technischer Hochwasserschutz
Die Investitionen in Hochwasserschutzmaßnahmen für Niedernhall beliefen sich auf zehn Millionen Euro. Sieben Millionen übernahm das Land, drei Millionen die Kommune. Wir erhöhten die bestehenden Dämme am Kocher und errichteten eine neue Stahlbetonwand entlang des Flussufers. Zusätzlich bauten wir die Straßenentwässerung neu. Für den Forellenbach entstand zudem ein Hochwasserrückhaltebecken.
Jährliche Übungen für den Ernstfall
Einmal im Jahr treffen sich die Feuerwehr sowie mehrere Bauhofmitarbeiter und Verwaltungsangestellte, um gemeinsam Hochwasserschutzübungen durchzuführen. Ein äußerst wichtiger Termin, damit im Ernstfall jeder Handgriff sitzt. Das Befüllen von Sandsäcken etwa kann herausfordernd sein, wie eine unserer Übungen gezeigt hat. Je mehr Feuerwehrleute, Bauhofkollegen und Personen aus der Verwaltung die richtigen Handgriffe kennen, desto besser ist das im Ernstfall.
Fachsoftware für Starkregen und Hochwasser
Wir nutzen das Flutinformations- und -warnsystem FLIWAS. Es ist ein webbasiertes Fachsystem des Landes Baden-Württemberg für ein umfassendes Hochwasserkrisenmanagement. FLIWAS liefert uns neben aktuellen Daten zu Niederschlägen auch Zahlen zu den Wasserständen des Kochers sowie Zustandsinformationen zum Hochwasserrückhaltebecken. Der Hochwasseralarm- und Einsatzplan (HWAEP) ist in FLIWAS eingearbeitet. Steigt das Wasser im Kocher, erhalten wir via FLIWAS eine Meldung und können reagieren.
Eigenvorsorge der Bürgerinnen und Bürger
Besonders wichtig ist auch: Wir klären die Bürgerinnen und Bürger auf unserer Webseite und im Amtsblatt über die Gefahren durch Starkregen und Hochwasser auf. Einige Niedernhaller haben sich zusätzlich zu den Hochwasserschutzmaßnahmen der Kommune eigenverantwortlich auf mögliche Extremwetterereignisse vorbereitet. Laut Wasserhaushaltsgesetz besteht sogar die Pflicht, Maßnahmen zur Eigenvorsorge zu treffen. Dazu zählt, sich über Hochwassergefahren zu informieren und sein Haus durch Schutzmaßnahmen wie das Bereithalten von Sandsäcken und mobilen Schutzelementen für Türen und Fenster vor einem möglichen Wassereintritt zu schützen. In Niedernhall wurden einige Häuser mit wasserdruckfesten Haustüren ausgestattet, Lichtschächte hochgesetzt und einige Bürgerinnen und Bürger schafften sich privat Sandsäcke an, die sie im Keller lagern.
Neben dem Schutz des Wohneigentums sollte in jedem Haushalt ein gepackter Notfallrucksack bereitstehen. Auch darüber haben wir die Einwohnerinnen und Einwohner informiert. Der Notfallrucksack enthält Erste-Hilfe-Material, persönliche Medikamente, wichtige Dokumente und Ausweise, Hygieneartikel wie Zahnbürste und Toilettenpapier, Verpflegung, eine Wasserflasche, Ladekabel fürs Smartphone, ein batteriebetriebenes Rundfunkgerät, eine Taschenlampe mit Reservebatterien, einen Schlafsack sowie Wechselkleidung.
Kein hundertprozentiger Schutz
Unser Fazit: Es gibt keinen hundertprozentigen Schutz vor Hochwasser, doch die Kommunen sollten den Hochwasserschutz in ihrer Region ernst nehmen und prüfen, welche Maßnahmen ergriffen werden können. Nur so erreichen wir im Idealfall eine wirksame Schadensbegrenzung.
Informationen zur Eigenvorsorge
Weitere Informationen zur Eigenvorsorge vor, während und nach einem Hochwasser finden Bürgerinnen und Bürger unter https://is.gd/sb5wQf
Des Weiteren gibt es eine neue Kompaktinformation „Private Eigenvorsorge zum Schutz vor Hochwasser und Starkregen“. Sie richtet sich an die Bevölkerung und kann von Kommunen zur Auslage beim Kompetenzzentrum Wasser und Boden bestellt werden, unter https://is.gd/WRewv3
Kompetenzzentrum Wasser und Boden
Der Klimawandel wird auch in Baden-Württemberg künftig vermehrt zu Extremereignissen wie Starkregen, Hochwasser und Niedrigwasser führen. In den ExtremWasserPartnerschaften (ehemals Hochwasserpartnerschaften) vernetzt das Kompetenzzentrum Wasser und Boden der KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW) Kommunen, Fachverwaltungen und Institutionen, um ein Bewusstsein für die Gefahren der Wasserextreme zu schaffen.
Das Kompetenzzentrum bietet Kommunen für die Hochwasseralarm- und Einsatzplan-(HWAEP)-Erstellung Beratungsgespräche an. Bei Interesse senden Sie eine E-Mail an wasserundboden@kea-bw.de.
Weitere Informationen zum Kompetenzzentrum finden Sie unter https://is.gd/71tKFL
Autor
Achim Beck ist seit 2014 Bürgermeister von Niedernhall im Hohenlohekreis.