Das können Kommunen im Hitzestress tun
Die frühe Hitzewelle im Juni ist vorbei – die Herausforderungen bleiben. Extreme Temperaturen treten häufiger auf, dauern länger an und belasten zunehmend Schulen, Kindertagesstätten, Pflegeeinrichtungen und öffentliche Räume. Entsprechend gewinnt auch die politische Debatte an Fahrt. Bundesumweltminister Carsten Schneider sieht Länder und Kommunen beim Hitzeschutz in der Verantwortung und verweist auf die bereitgestellten Infrastrukturmittel. Kommunale Spitzenverbände halten dagegen und verweisen auf knappe Haushalte sowie einen erheblichen Investitionsstau.
Für Bürgermeisterinnen und Bürgermeister stellt sich jedoch vor allem eine andere Frage: Wie lässt sich Hitzeschutz mit begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen überhaupt angehen? die:gemeinde hat beim Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) nach Lösungen gefragt. Seine Antwort lautet: nicht mit Einzelmaßnahmen beginnen, sondern strukturiert vorgehen.
Erst planen, dann investieren
Nach Einschätzung des BBSR ist ein Hitzeaktionsplan für kleinere und mittlere Kommunen häufig der sinnvollste Einstieg. Er hilft dabei, besonders belastete Bereiche zu identifizieren, Risiken sichtbar zu machen und erste Maßnahmen zu priorisieren. Dazu gehören beispielsweise die Ausweisung kühler Aufenthaltsorte, Trinkbrunnen oder schattiger Grünflächen ebenso wie Informationen für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen. Solche organisatorischen Maßnahmen lassen sich vergleichsweise kostengünstig umsetzen und schaffen gleichzeitig die Grundlage für spätere Investitionen.
Darauf aufbauend empfiehlt das BBSR, Hitzeschutz konsequent bei allen zukünftigen Planungen mitzudenken – sowohl im Städtebau als auch bei kommunalen Gebäuden. Denn die Experten beobachten seit Jahren, dass viele Gebäude unter völlig anderen klimatischen Bedingungen errichtet wurden. „Wir haben jahrzehntelang Gebäude für ein Klima gebaut, das es so nicht mehr gibt“, bringt es Bauingenieur Dr. Stefan Haas auf den Punkt. Während früher vor allem der winterliche Wärmeschutz im Mittelpunkt stand, gewinnt heute der sommerliche Wärmeschutz zunehmend an Bedeutung.
Bestehende Investitionen nutzen
Gerade kleinere Kommunen werden nicht sämtliche Maßnahmen gleichzeitig umsetzen können. Deshalb rät das BBSR dazu, Hitzeschutz möglichst mit ohnehin geplanten Sanierungen zu verbinden. Werden Fassaden erneuert, Fenster ausgetauscht oder Dächer saniert, können außenliegender Sonnenschutz oder weitere Maßnahmen häufig ohne unverhältnismäßigen Mehraufwand integriert werden. Gleiches gilt für die Umgestaltung öffentlicher Plätze oder Straßenräume, bei denen Entsiegelung, Begrünung oder Verschattung von Anfang an mitgedacht werden sollten.
Dieser Ansatz verfolgt derzeit auch die Landeshauptstadt Stuttgart. Das Schulverwaltungsamt entwickelt einen Hitzeschutzplan für rund 150 Schulen. Zunächst werden alle Standorte systematisch hinsichtlich Sonnenschutz, Lüftungsmöglichkeiten und Hitzebelastung bewertet. Anschließend werden die Maßnahmen priorisiert. Parallel setzt die Stadt bereits erste Sofortmaßnahmen um – darunter zusätzliche Trinkwasserversorgung, Sonnenschirme, Baumpflanzungen und technische Kühlung besonders belasteter Räume. Auch wenn kleinere Kommunen nicht die finanziellen und personellen Kapazitäten einer Landeshauptstadt haben, lässt sich der grundsätzliche Ansatz gut übertragen: analysieren, priorisieren und Hitzeschutz schrittweise in laufende Bau- und Sanierungsmaßnahmen integrieren.
Große Wirkung mit vergleichsweise einfachen Maßnahmen
Nicht jede Maßnahme erfordert hohe Investitionen. Eine 2024 veröffentlichte Handlungsstrategie für Hitzeschutz des Bundes nennt zahlreiche Ansätze, die Kommunen bereits heute aufgreifen können. Dazu zählen der Erhalt und die Neupflanzung von Stadtbäumen, die Verschattung von Spielplätzen, Schulhöfen oder Bushaltestellen, die Entsiegelung geeigneter Flächen sowie die stärkere Nutzung von Regenwasser zur Bewässerung des Stadtgrüns. Viele dieser Maßnahmen wirken gleich mehrfach: Sie senken die Temperaturen, verbessern die Aufenthaltsqualität und unterstützen gleichzeitig die Vorsorge gegen Starkregen.
Ebenso wichtig ist es, sogenannte „kühle Orte“ sichtbar zu machen. Parks, Kirchen, Bibliotheken oder andere öffentlich zugängliche Gebäude können während Hitzeperioden als Rückzugsorte dienen. Ergänzt durch Trinkbrunnen oder schattige Aufenthaltsbereiche entsteht mit vergleichsweise geringem Aufwand ein wichtiger Beitrag zur kommunalen Hitzevorsorge.
Der größte Hebel kostet oft gar nichts
Ein Aspekt wird nach Einschätzung des BBSR häufig unterschätzt: das Verhalten der Gebäudenutzenden. Richtiges Lüften, der konsequente Einsatz vorhandener Sonnenschutzsysteme oder einfache organisatorische Maßnahmen können die Innenraumtemperaturen bereits deutlich beeinflussen – ohne zusätzliche Investitionen. Gerade in Schulen, Rathäusern oder Kindertagesstätten lohnt es sich deshalb, Mitarbeitende und Nutzende für den richtigen Umgang mit Hitze zu sensibilisieren.
Erfolgreicher Hitzeschutz ist zudem keine Aufgabe eines einzelnen Fachbereichs. Das BBSR empfiehlt ausdrücklich eine enge Zusammenarbeit verschiedener Ämter – von Stadtplanung, Grünflächenmanagement und Tiefbau über Umwelt- und Gesundheitsämter bis hin zum Gebäudemanagement. Viele Kommunen richten hierfür bereits ämterübergreifende Arbeitsgruppen oder Steuerungsrunden ein. Wichtig sei dabei ein klarer politischer Auftrag, damit Maßnahmen abgestimmt entwickelt und umgesetzt werden können. Dass Hitzeschutz inzwischen auch politisch stärker in den Fokus rückt, zeigen Initiativen wie der Berliner BaumEntscheid oder ähnliche Vorstöße in München und Stuttgart. In Baden-Württemberg hat Gesundheitsminister Oliver Hildenbrand vor einigen Tagen sogar eine Taskforce Hitzeschutz eingerichtet.
Auch der Gemeindetag hat sich dazu geäußert, wie Kommunen auf die klimabedingte Belastung reagieren soll. Entscheidend sei demnach die Tatsache, dass Hitze insbesondere für ältere Menschen, Pflegebedürftige und Vorerkrankte ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko darstelle. „Für die Kommunen folgt daraus: Hitzeschutz muss vor Ort mit Augenmaß organisiert werden – etwa durch Hitzeaktionspläne, Trinkwasserangebote, Verschattung öffentlicher Räume oder den Schutz besonders vulnerabler Gruppen“, so die Stellungnahme des Gemeindetags. Dafür bräuchten Kommunen die finanziellen und personellen Möglichkeiten.
Vom Einzelprojekt zur Daueraufgabe
Der Appell: Gerade in der aktuellen kommunalen Finanzkrise dürfe zusätzlicher Hitzeschutz nicht zu einer weiteren ungedeckten Aufgabe werden. Und weiter: „Bereits in den vergangenen Jahren fehlten vielerorts die notwendigen Mittel, um Maßnahmen wie Begrünung und Verschattung öffentlicher Räume, die Schaffung von Frischluftschneisen, eine klimaangepasste Wasserversorgung oder den Schutz besonders vulnerabler Gruppen umzusetzen. Das Sondervermögen des Bundes wird hierfür allein nicht ausreichen – auf die baden-württembergischen Kommunen entfallen daraus rund 8,8 Milliarden Euro, die für eine Vielzahl dringender Infrastrukturaufgaben benötigt werden.“
Die zentrale Botschaft des BBSR lautet deshalb: Kommunen müssen nicht alles auf einmal umsetzen. Entscheidend ist, den Einstieg zu finden, Maßnahmen systematisch zu priorisieren und Hitzeschutz künftig bei jeder Planung und jeder Sanierung mitzudenken. So wird aus vielen einzelnen Schritten nach und nach eine langfristige Strategie – und aus einer Reaktion auf die nächste Hitzewelle eine dauerhafte kommunale Zukunftsaufgabe.