Alle mitnehmen
Damit Kommunen auch künftig ihre Funktion als Zentren des Gemeinwesens, der Innovation und des gesellschaftlichen Zusammenhalts erfüllen können, sind inklusive Quartiere, die die unterschiedlichen Bedürfnisse aktiv berücksichtigen und Raum für Teilhabe bieten, ein gelingendes Zukunftsmodell.
Was ist ein inklusives Quartier?
Ein inklusives Quartier zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen mit und ohne Teilhabehandicaps gleichberechtigt und selbstbestimmt zusammenleben und an allen gesellschaftlichen Aktivitäten teilhaben können. Voraussetzung sind Barrierefreiheit, ein unterstützendes Umfeld sowie eine solidarische Nachbarschaft, die diese Werte trägt.
Dabei ist ein inklusives Quartier kein statischer Zustand, sondern ein lernendes System, da sich Lebensbedingungen und Bewohnerschaft kontinuierlich verändern. Entscheidend sind eine fachübergreifende Vernetzung sowie ein regelmäßiger Austausch aller Akteurinnen und Akteure innerhalb und außerhalb der Verwaltung. Im Sinne des Leitgedankens „Nichts über uns ohne uns!“ sollen insbesondere die Bürgerinnen und Bürger, ihre Netzwerke und die von Teilhabehandicaps betroffenen Menschen aktiv einbezogen werden.
Was sind Chancen der inklusiven Quartiersentwicklung?
Inklusive Quartiersentwicklung stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt, indem sie Begegnungen ermöglicht und Vorurteile abbaut. Zugleich fördert sie demokratische Teilhabe, da alle Menschen die Möglichkeit erhalten, sich einzubringen und mitzugestalten. Barrierefreiheit – baulich, technisch und kommunikativ – kann dabei der gesamten Bevölkerung zugute kommen. Darüber hinaus trägt eine solche Entwicklung zur Bewältigung des demografischen Wandels bei, schafft vielfältige Wohnformen, stärkt Engagement und gegenseitige Sorge und fördert Innovation durch Zusammenarbeit.
Welche Barrieren können bestehen?
Unterschiedliche Barrieren erschweren Teilhabe. Physische Barrieren zeigen sich in mangelnder baulicher Zugänglichkeit. Soziale Barrieren entstehen durch Vorurteile, Diskriminierung und Unsicherheiten im Umgang miteinander. Kommunikative Barrieren betreffen insbesondere Menschen mit Hör- und Sehbehinderungen sowie Personen mit sprachlichen oder bildungsbedingten Hürden.
Mangelnde Sensibilisierung in Gesellschaft, Politik und Verwaltung stellt auch eine Hürde dar. Technische Barrieren ergeben sich aus unzureichend barrierefreien digitalen Angeboten. Schließlich beeinflussen auch Fragen der Beteiligung – etwa Ansprache, Formate oder Rahmenbedingungen von Veranstaltungen – maßgeblich, wer tatsächlich erreicht wird.
Bausteine auf dem Weg zum inklusiven Quartier
Wissen, Bewusstsein und Haltung – Ziel: Die Vielfalt ist akzeptiert und sichtbar
Ein inklusives Quartier erfordert ein grundlegendes Verständnis für die Lebensrealitäten unterschiedlicher Menschen. Vielen ist nicht bewusst, welchen Barrieren Menschen begegnen können. Aufklärung, Information und Sensibilisierung tragen dazu bei, Vorurteile abzubauen und Empathie zu fördern. Perspektivwechsel – etwa durch Simulationen oder inklusive Formate – fördern nachhaltiges Lernen. Digitale Angebote erweitern die Reichweite, während positive Beispiele und Erfolgsgeschichten Motivation und Sichtbarkeit schaffen.
Partizipation und Selbstvertretung – Ziel: Alle können mitmachen und mitwirken
Zentrale Voraussetzung ist, dass alle Menschen sich einbringen und mitentscheiden können. Dafür braucht es tragfähige Strukturen der Selbstorganisation, ein breites bürgerschaftliches Engagement sowie leicht zugängliche Beteiligungsformate. Organisationen vor Ort können dabei eine wichtige Vermittlungsfunktion übernehmen.
Vernetzung und Kooperation – Ziel: Alle kooperieren und arbeiten gut zusammen
Ein inklusives Quartier lebt von funktionierenden Netzwerken. Regelmäßiger Austausch zwischen haupt- und ehrenamtlichen Akteurinnen und Akteuren ermöglicht Abstimmung und gemeinsame Entwicklung. Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft, aktiv auf neue Partner zuzugehen und Netzwerke weiterzuentwickeln.
Erreichbarkeit, Zugänglichkeit und Nutzbarkeit – Ziel: Alles ist barrierefrei zu erreichen und zu nutzen
Teilhabe setzt voraus, dass alle Menschen ihre Umgebung erreichen und nutzen können. Wichtige Strukturelemente für eine Umgebung, die Teilhabe fördert, sind ein gutes Angebot an bezahlbarem und barrierefreiem Wohnraum, eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr sowie wohnortnahe Versorgungsangebote. Auch ein sicher gestalteter öffentlicher Raum und eine unterstützende Nachbarschaftskultur sind wichtig. Barrierefreiheit trägt dazu bei, den Bewegungsradius zu erweitern und Teilhabe zu ermöglichen.
Bedarfsgerechte Unterstützungsformen – Ziel: Es gibt Hilfe für alle, die sie brauchen
Vielfältige Unterstützungsangebote sind entscheidend. Niedrigschwellige Anlaufstellen können Information, Beratung und Vernetzung bündeln. Digitale Angebote ergänzen den Zugang zu Informationen. Soziale Dienste ermöglichen es, unterschiedliche Bedarfe abzudecken. Inklusive Angebote für Menschen mit Teilhabehandicap, dezentrale Unterstützungsstrukturen sowie gemeinschaftliche Wohnformen fördern ein selbstbestimmtes Leben. Ergänzend leisten bürgerschaftliche Netzwerke wichtige Unterstützung im Alltag.
Beratungsangebot für Kommunen
Im Rahmen der Landesstrategie „Quartier 2030 – Gemeinsam.Gestalten.“ stellen das Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit in Kooperation mit den Kommunalen Landesverbänden Fachberatungen zur Verfügung. Die Fachberatung Quartiersentwicklung wird finanziert aus Landesmitteln, die der Landtag von Baden-Württemberg beschlossen hat.
Die Fachberatung für Mitgliedskommunen des Gemeindetags ist beim Gemeindenetzwerk Bürgerschaftliches Engagement BW angesiedelt. Das Fachberatungsteam steht Städten und Gemeinden als zentrale Anlaufstelle für alle Fragen der Quartiersentwicklung zur Verfügung.
Das Fachberatungs-Team ist erreichbar unter:
quartier@gemeindenetzwerk-be.de


Autorin
Claudia Peschen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für angewandte Sozialwissenschaften Stuttgart.